Vorwort
Appetithäppchen
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„Sie haben drei Wünsche frei!“,
säuselt die
Functional-Food-Fee und zaubert mit professionellem Lächeln ewige
Jugend, strahlende Schönheit und pralle Gesundheit in Saftflaschen
und Margarinetöpfchen auf die Mattscheibe. Eine Werbeunterbrechung
später zieht der beschlipste Kollege von der
Nahrungsergänzungsfraktion elegant Kapseln, Pillen und
Brausetabletten aus dem Hut und verheißt mit sonorer Stimme die
Erfüllung derselben Herzenswünsche. Bei diesem
Supersondersparpreis - nur für kurze Zeit! im praktischen
500er-Pack! – sollten Sie unbedingt gleich zugreifen. Natürlich
waren nur die Wünsche frei, die Ware kostet
selbstverständlich ...
Manche Dinge ändern sich nie, zum Beispiel der Wunsch, gesund,
schön und potent zu sein. Wider besseres Wissen – das heißt
gegen die alltägliche Erfahrung – hört die Menschheit
offenbar nie auf zu hoffen, daß soeben ein Wundermittel gegen
Krankheit und Verfall entdeckt wurde. Unsere Altvorderen bauten auf
Ziegenkot und Einhornpulver gegen Zahnwurm oder Hexenwerk. Die
aufgeklärten Zeitgenossen von heute bestellen
Schönheitsvitamine, Powerstoffe und Muschelpulver gegen Krebs,
Cellulitis und die Angst vor dem Tod. Natürlich will niemand mehr
an Zauberei glauben, aber das, was moderne Wundermittel versprechen,
ist nichts anderes. Da auch der Nepp mit der Zeit geht, sind die
Begründungen, warum sie wirken müssen, allerdings nur noch
selten dem magisch-religiösen Wortschatz entlehnt; dem Hokospokus
von heute hängt man statt dessen mit allerlei biochemischen
Phrasen ein pseudowissenschaftliches Mäntelchen um. Keck wie
Mäusedreck!
Doch das sind Äußerlichkeiten. Am Ende werden Kunden immer
damit geködert, daß ihnen andere Menschen im Brustton der
Überzeugung versichern, das Produkt funktioniere genau so, wie sie
es sich wünschen. Wenn der seriös wirkende Fernsehzahnarzt
eine bestimmte Zahnbürste empfiehlt, wenn Mutter und Tochter in
der heimischen Küche über Abführmittel philosophieren,
wenn Oma und Opa auf die Kraft der zwei Herzen schwören oder wenn
der sympathische Wetterfrosch mit windzerzaustem Haar probiotische
Milchprodukte schlürft, dann sind das nur ein paar Varianten des
großen Glaub-mir-und-kauf-das-Spiels. Dabei spielt es nicht die
geringste Rolle, ob der beworbene Artikel hält, was die Akteure
behaupten – oder ob die Akteure überhaupt irgendeine Ahnung davon
haben, was sie da gerade vertickern.
Es ist schon erstaunlich, wie wenig sich das offenkundig Irrationale
und das scheinbar Logische unterscheiden, wenn es darum geht,
potenziellen Kunden, das Geld aus der Tasche zu leiern! Da praktisch
jeden Tag irgendein neues „Vitalsierungsprodukt“ aus irgendwelchen
Reststoffen nach immer dem gleichen Muster generiert wird, wie eine
Flut von einschlägigen Patentschriften aus vieler Herren
Länder belegt, war uns weniger daran gelegen, ein umfassendes
Lexikon der Nahrungsergänzungsmittel zusammenzustellen. Wir wollen
Ihnen vielmehr die Highlights der Wunderstoffe zeigen, ihren Aufstieg,
ihren Fall und ihre Wandlungsfähigkeit.
Neben Nahrungsergänzung oder Functional Food aus dem aktuellen
Angebot werden Sie auch auf Mittel stoßen, die schon wieder aus
der Mode gekommen sind, wie Mumienpulver (einst einer der ganz
großen Renner der Szene), oder die ihren einst omnipotenten
Gesundheitscharakter durch Profanisierung verloren haben, wie
Coca-Cola. Daneben stellen wir einige Kandidaten aus der ganz
gewöhnlichen Lebensmittelwelt vor, die man mit Fug und Recht als
„funktionell“ bezeichnen könnte, denen die Experten diesen Titel
aber beharrlich vorenthalten, zum Beispiel Kaffee, Kaugummi oder
Bärendreck. Last not least werden Sie auf ein paar schier
unglaubliche Geschichten stoßen ..., aber wir wollen nicht zuviel
verraten. Lesen Sie los! Und lassen Sie sich bloß keinen
Bären aufbinden!
Als Appetithäppchen reichen
wir Ihnen
folgende Texte:
> Grapefruitkernextrakt: putzt die Platte
> Himalayasalz: versetzt Gebirge
> Strychnin: no dope, no hope
> Vitamin E: Viagra für Karnickel
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Grapefruitkernextrakt |
Grapefruitkernextrakt: putzt die
Platte
Wie der Zufall so
spielt, soll ein amerikanischer Gärtner eines schönen Tages
beobachtet haben, daß die Grapefruitkerne auf seinem
Komposthaufen nicht verrotteten. Daraus schloß er messerscharf,
die unschuldigen kleinen Kerne müßten ein hochwirksames
Antibiotikum enthalten, mit dem sie zersetzendem Gelichter wie Pilzen
und Bakterien heroisch die Stirn böten. Rührende Geschichte.
Vielleicht hatte aber auch nur der Mitarbeiter einer Saftfabrik eine
Idee, wie man die Rückstände der Saftpresse gewinnbringend
weiterverwerten könnte statt sie für teuer Geld zu entsorgen.
Das wäre zwar weniger rührend, aber immerhin ziemlich
rührig. Vor allem weil die Amis Weltmeister im Trinken von
Grapefruitsaft sind, da bleiben schon ein paar hübsche
Tönnchen Kerne und Pulpe (das sind die Häute um die
Fruchtschnitze) übrig. Natürlich kann man das Zeug, wie so
vieles andere auch, den Schweinen geben, aber eine „Verfütterung“
als Nahrungsergänzungsmittel an Exemplare des Homo sapiens bringt
unterm Strich deutlich mehr Peanuts (neudeutsch für
„größere Mengen Kleingeld“).
Wir wissen nicht, ob sich die Geschichte mit den Grapefruitkernen so
oder so abgespielt hat, auf jeden Fall hört sich die Story vom
klugen Gärtner für Menschen mit Hang zum Natürlichen
viel sympathischer an. Biologisch gegärtnerte Antibiotika
wären das Non-plus-Ultra. Besonders für all die
Gesundheitsbewußten, deren Abscheu vor
ih-pfui-chemisch-synthetischen Mitteln ebenso groß ist wie ihr
Vertrauen in die ewiggute Urmutter Natur. Nix gegen Romantik, aber
erstens stammen die Vorläufer vieler heute industriell
hergestellter Antibiotika ebenfalls aus dem Schatzkästlein der
Natur (sie wurden zumeist im Dreck von Pfützen aufgespürt),
und zweitens ist auch die Natur an und für sich kein
biblisch-paradiesischer Zustand, sondern ein Kampf ums Dasein, der von
den Beteiligten mitunter mit harten Bandagen ausgetragen wird:
Penicillin, Streptomycin, Tetracyclin, Bacitracin, um nur ein paar der
bekannteren Antibiotika zu nennen, sind allesamt chemische Waffen von
Mikroben gegen Mikroben.
Was also ist der Unterschied zwischen einem Grapefruitkernextrakt, der
nach Aussagen der Anbieter Hunderten von Bakterien-, Pilz- und
Virenstämmen das Lebenslicht auspustet, und einem konventionellen
Antibiotikum? Ganz einfach: Er ist nicht als Arzneimittel zugelassen.
Deshalb lobt man ihn in Werbeschriften wohl auch lieber als „das mit
Abstand interessanteste, rein biologische Konservierungs-, Hygiene- und
Antiparasitenmittel der Zukunft“ und verkauft ihn in der Gegenwart auch
schon mal als Nahrungsergänzungsmittel.
Weshalb sich der Mensch freiwillig und eigenhändig
Desinfektionsmittel und Antiparasitika einverleiben soll? Gute Frage!
Angeblich, um damit das Wohlbefinden zu steigern und das Immunsystem zu
stärken. (Ob das die probiotischen Keime aus dem Joghurt auch
wissen?) Naja, vielleicht schmeckt das Zeug einfach besser als Meister
Proper und andere Kandidaten aus der Rohrreinigerfraktion. Erstaunlich
ist allerdings, daß ausnahmsweise nicht mit Anti-Aging geworben
wird, Sie wissen schon, wegen der Konservierung ...
Nein, das Marketing setzt voll auf die gerade wieder grassierende
Mikrobenhysterie. Nach einer Phase relativer Ruhe an der
Putzmittelfront (die Generation der chemieboykottierenden Ökopaxe
kommt langsam in die Jahre) wittern die professionellen
Saubermänner wieder zitrusfrische Morgenluft. Dank der
Aufklärung durch gestylte Hausdamen in spiegelnden Küchen und
Bädern sehen sich die Verbraucher von Heerscharen unsichtbarer und
höchst bösartiger Aliens umzingelt. Doch die Rettung naht!
Zum Glück hat die Industrie viele tolle Produkte entwickelt –
antibakteriellen Weichspüler, antibakterielle Zahnpasta,
antibakterielle Matratzenschoner, antibakterielle Wurstpellen,
antibakterielle ... – alles zum Schnäppchenpreis. Und die
Vermarkter der Grapefruitkernextrakte schlagen in genau die gleiche
Kerbe wie die Produzenten gewöhnlicher Wasch- und
Reinigungsmittel: „Pilze, Bakterien und andere mikroskopisch kleine und
teilweise sehr gesundheitsschädliche Parasiten nutzen auch die
kleinste Fuge, um sich unbemerkt vom Alltagsgeschehen unaufhaltsam zu
vermehren“, heißt es auf der Internetseite eines Anbieters. Wie
schön, daß das Grapefruitzeug „nahezu bei jedem Reinigungs-
und Desinfektionsverfahren eingesetzt werden [kann], beim
Geschirrabwaschen, Reinigung von Möbeln und Fussboden, in der
Küche, im Bade-zimmer, in der Toilette ...“.
Doch „bio“ hin oder her: „Der Einsatz von Desinfektionsmitteln im
Haushalt ist grundsätzlich überflüssig“ teilten das
Umweltbundesamt (UBA), das Bundesinstitut für gesundheitlichen
Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) und das
Robert-Koch-Institut im Sommer 2000 per gemeinsamer
Presseerklärung mit, weil ihnen die Gruselkampagnen der
Saubermänner über die Hutschnur gingen. Als wichtigste
Maßnahme zum Schutz vor Infektionen durch im Haushalt vorkommende
Keime, empfahlen die Institute: „Händewaschen, besonders nach dem
Toilettenbesuch.“
Andere Wissenschaftler mahnen, es mit dem Reinlichkeitsfimmel nicht zu
übertreiben, weil durch den übermäßigen Gebrauch
von Keimtötern im Haushalt unter Umständen resistente
Mikroben herangezogen werden – so wie sich die Medizin durch allzu
eifrige Verwendung von Antibiotika Pathogene „herangezüchtet“ hat,
die nur noch schwer zu kontrollieren sind. Die naheliegende Frage, ob
der angeblich so potente Zitrusextrakt nicht vielleicht ebenfalls
Resistenzen provoziert, stellt sich den Anbietern offenbar nicht. Sie
versprechen lieber, daß ihre universell wirksamen Naturprodukte,
„eine ganze Reihe von umwelt- und gesundheitsschädlichen
Präparaten und Substanzen mit zum Teil hochschädigenden
Nebenwirkungen ersetzen“ könnten. Na, dann wollen wir mal gucken,
was da für zauberhafte Wunderdinge drin sind.
Das dachten sich wohl auch Chemiker und Mikrobiologen. Schon allzulange
stand der Verdacht im Raum, die kommerziellen Grapefruitkernextrakte
enthielten als wirksames Agens schlicht stinknormale
chemisch-synthetische Bakterienkiller wie Triclosan oder
Benzethoniumchlorid. Beides ist hierzulande in Lebensmitteln verboten,
Nahrungsergänzungsmittel mit diesen Beimengungen sind nicht
verkehrsfähig. Allerdings würde ihre Anwesenheit die
phantastischen Wirkungen der Extrakte sehr gut erklären. Solch
ketzerische Behauptungen wiesen die Anbieter verständlicherweise
entrüstet von sich.
Eine ausgefeilte Studie, durchgeführt am Institut für
Pharmazie und am Institut für Hygiene der Universität
Greifswald, lüftete das Geheimnis. Die Wissenschaftler besorgten
sich im Handel sechs verschiedene Grapefruitkernextrakte und testeten
sie in unterschiedlichen Verdünnungen an fünf
Bakterienstämmen (für Kenner: Bacillus subtilis, Escherichia coli, Staphylococcus aureus, Micrococcus flavus, Serratia marcescens). Von den sechs
Extrakten waren fünf höchst effektiv, der sechste wirkte
nicht einmal, als die Forscher versuchten, die Bazillen mit dem puren
Extrakt buchstäblich zu ersäufen. Allerdings war dieser der
einzige, bei dem die Herstellerangabe „frei von Konservierungsstoffen
und Pestiziden“ zutraf. Die anderen fünf enthielten alle
Benzethoniumchlorid und zwar, wie die Autoren schreiben, in
„beträchtlichen Mengen“. In drei von diesen fünf Produkten
wurden außerdem sowohl Methylparaben (ein starkes
Konservierungsmittel) als auch Triclosan nachgewiesen.
Wie weitere Abklärungen ergaben, entsprach das Wirkungsspektrum
der kommerziellen Grapefruitkernextrakte exakt dem der verschwiegenen
Zusätze. Mit reiner „Zitruskraft“ allein war nichts gegen die
Mikroben auszurichten. Inzwischen haben mehrere unabhängige
Studien die Aussagen der Greifswalder Spezialisten mit
unterschiedlichen Methoden bestätigt.
„Das also war des Pudels Kern“ sprach Goethes Faust (I, 1 323), als er
entdeckte, daß der teufli-sche Mephistopheles in Gestalt des
possierlichen Vierbeiners aufgetreten war. Und wir wissen nun,
daß die Grapefruit im Kern völlig harm- und wirkungslos ist,
während die sagenhaften Effekte des angeblichen Naturputzmittels
auf Stoffe zurückzuführen sind, wie wir sie von den oben
zitierten „umwelt- und gesundheitsschädlichen Präparaten und
Substanzen mit zum Teil hochschädigenden Nebenwirkungen“ kennen.
Literatur
Sinclair WB: The Biochemistry and Physiology of the Lemon and Other
Citrus Fruits. University of California, Oakland 1984
UBA/BgVV/RKI: Antibakterielle Reinigungsmittel im Haushalt nicht
erforderlich. Gemeinsame Pressemitteilung von Umweltbundesamt (UBA),
Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucher-schutz und
Veterinärmedizin (BgVV) und Robert Koch-Institut (RKI), 22.08.2000
Larson EL et al: Effect of antibacterial home cleaning and handwashing
products on infectious disease symptoms. Annals of Internal Medicine
2004/140/S.321-329
Aiello AE, Larson EL: What is the evidence for a causal link between
hygiene and infections? Lancet Infectious Diseases 2002/2/S.103-110
Levy SB: Antibacterial Household Products: Cause for Concern. Emerging
Infectious Diseases 2001/7/ Suppl/S.512-515
Anon.: Grapefruitkernextrakt – ein biologisches Breitbandantibiotikum?
arznei-telegramm ((sic!)) 1998/29/S.25-26
Anon.: Grapefruitkernextrakt – Wirkprinzip Konservierungsmittel?
arznei-telegramm ((sic!)) 1999/30/S.47
von Woedtke T et al: Aspects of the antimicrobial efficacy of
grapefruit seed extract and its rela-tion to preservative substances
contained. Pharmazie 1999/54/S.452-456
Takeoka G et al: Identification of benzethonium chloride in commercial
grapefruit seed extracts. Journal of Agricultrual and Food Chemistry
2001/49/S.3316-3320
Sakamoto S et al: [Analysis of components in natural food additive
„grapefruit seed extract“ by HPLC and LC/MS]. Eisei Shikenjo Hokoku
1996/114/S.38-42
Ganzera M et al: Development and validation of an HPLC/UV/MS method for
simultaneaous de-termination of 18 preservatives in grapefruit seed
extract. Journal of Agricultural and Food Che-mistry 2006/54/S.3768-3772
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Himalayasalz |
Himalayasalz versetzt Gebirge
Das rötlich
schimmernde Salz – es firmiert auch unter den Bezeichnungen Kristall-,
Karakorum- oder Hunza-Salz – avancierte in den letzten Jahren zum
Verkaufsschlager in der Reform- und Naturkostszene. Alle Anbieter
berufen sich bei ihren Lobeshymnen direkt oder indirekt auf das Buch Wasser & Salz, Urquell des Lebens,
das den Boom überhaupt erst ausgelöst hat. Die Autoren
empfehlen das wundersame Salz bei Hauterkrankungen von Neurodermitis
bis Herpes, bei Asthma, Heuschnupfen und Erkältungskrankheiten,
bei Gicht, Rheuma, Arthrose, Arthritis und Osteoporose. Auch bei
Verdauungsbeschwerden, Stoffwechselstörungen,
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Konzentrationsschwäche und
Schlafstörungen verspricht die innerliche und
äußerliche Anwendung Linderung. Nicht zu vergessen Krebs,
Frauenleiden und Schwermetallbelastungen. Das alles soll man mit einem
Teelöffel Salz erreichen können, der morgens – in Quellwasser
versteht sich – auf nüchternen Magen getrunken wird.
Nach der Kristallsalz-Theorie handelt es sich bei sämtlichen
Befindlichkeitsstörungen „nur um unterschiedliche
Ausprägungen einer einzigen Krankheit, nämlich dem Defizit an
Energie“. Und die heilsame Wirkung des Salzes „basiert auf seinem
spezifischen Schwingungsmuster, mit dem die Energiedefizite des
Körpers ausgeglichen werden können“. Selbstverständlich
kann die „Neutralkraft“ des Salzes auch „krank machende,
elektromagnetische Schwingungen in unserem Umfeld ausgleichen“, man
denke nur an Handys, Mikrowellengeräte und Sendemasten. Andere
Autoren preisen das Salz aus dem Himalaya als „Elixier der Jugend“.
Phantastisch! Allein es fehlt der Glaube. Erstens: Auf dem Dach der
Welt gibt es keine Salzbergwerke, weder im Karakorumgebirge noch im
Hunza-Tal, wo die vielen werbewirksamen Hundertjährigen zuhause
sind. Alle sogenannten Himalayasalze werden – wenn sie nicht aus
Berchtesgaden oder anderen ausgewiesenen Orten heimischer Salzgewinnung
stammen – allenfalls aus der „Salt Range“, einer Hügelkette in
Pakistan, importiert. Das bestätigte einer der Hauptimporteure
(unter Berufung auf Geologen, Salzexperten und höchste
Regierungsstellen vor Ort) dem Journalisten Leo Frühschütz,
der im Auftrag der Zeitschrift BioHandel
die Herkunft der diversen Himalayasalze recherchierte. Zum selben
Ergebnis kam Ludmilla Tüting, Redakteurin von Tourism Watch, einem
Informationsdienst des Evangelischen Entwicklungsdienstes, und Kennerin
der Region: „Im Himalaya gibt es von einer handvoll Salzseen abgesehen
überhaupt kein Salz, Minen erst gar nicht.“ Kein Wunder, daß
die Werbedichter nun versuchen, die „Salt Range“ zu Ausläufern des
Himalayas zu erklären, was geologisch jedoch schlichtweg falsch
ist.
Auf der falschen Herkunftsangabe müßte man nicht so
herumreiten, würden die Anbieter nicht behaupten, der über
Jahrmillionen auf dem Salz lastende Druck des gewaltigen Gebirges mache
es so besonders wertvoll: „Je höher die Kompression, desto
höher die kristalline Struktur mit ihrem Ordnungszustand.“ Was
aber, wenn nicht Fünf-, Sechs-, Sieben- oder gar Achttausender auf
den Salzstock gedrückt haben, sondern nur ein paar mickrige
Hügelchen von um die 800 Meter, wie es bei der „Salt Range“ der
Fall ist? Kein Druck, keine Ordnung, keine Wirkung? Da könnten es
die Händler gleich in Berchtesgaden ordern – schließlich
bieten die dortigen Salinen dem interessierten Großkunden
ebenfalls kristalline Salzbrocken in allen Größen, Formen
und Farben an.
Zweitens: Egal ob aus Bayern oder Pakistan, es handelt sich so oder so
um gewöhnliches Steinsalz (fachsprachlich Halit), wie es
überall auf der Erde durch geologische Prozesse entstanden ist.
Steinsalz besteht aus Natriumchlorid, das meist mit geringen Mengen
anderer Verbindungen verunreinigt ist. Diese spiegeln allerdings
weniger die Zusammensetzung eines ominösen „Urmeers“ wieder als
vielmehr die geochemischen und geophysikalischen Prozesse, die zur
Abscheidung von Salzkrusten im Gestein führten. So kommt es
durchaus nicht selten vor, daß Steinsalz auch Spuren von
Schwermetallen, Erdgas, Erdöl und andere Beimengungen
enthält. Daher rührt etwa die interessante rötliche
Farbe. Und aus gutem Grund wird Steinsalz deshalb in der Regel
raffiniert, also gereinigt.
Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und
Lebensmittelsicherheit, das 15 Himalayasalz-Proben untersuchte, fand –
wen wundert es? – darin zu etwa 98 Prozent Natriumchlorid, was für
ein Steinsalz ziemlich normal ist, und im Rest maximal acht andere
Mineralstoffe, auf keinen Fall jedoch die von den Himalayasalz-Freunden
behaupteten 84 Elemente des „Urmeers“. Zum Glück, möchte man
meinen, denn auf Radium, Uran, Arsen, Blei oder ähnliches,
würden die meisten Konsumenten vermutlich doch lieber verzichten.
Daran ändert auch der Marketingkniff nichts, schnödes
Steinsalz nach dem sprachlichen Vorbild des raffinierten
Kristallzuckers in edles „Kristall“salz umzudefinieren. Doch die
Kundschaft läßt sich das Wortgeklingel einiges kosten: Was
im Einkauf weniger als einen Euro pro Kilo wert ist, erreicht im im
Bioladen Preise bis zu 25 Euro!
Drittens, die gesundheitlichen Wirkungen. Bei den meisten der
angeführten Anwendungsbeispiele handelt es sich um alte Hüte,
denn in der Tat wird Sole, also Kochsalzlösung, in Form von
Bädern schon seit langem zur Behandlung von Hauterkrankungen,
rheumatischen Beschwerden und vegetativen Störungen verwendet.
Ebenso klassisch sind Inhalationen bei Asthma und Allergien oder die
Nasenspülung zur Vorbeugung von Erkältungskrankheiten und
Verstopfungen der Nebenhöhlen. Nur mußte das Salz bislang
nicht aus dem Himalaya stammen, die traditionsreichen Heilbäder
und Kuranstalten kamen mit hiesigen Mineralwässern und
Salzvorkommen ganz gut zurecht.
Und was hat es dann mit den geheimnisvollen „Schwingungsmustern“ und
der „Neutralkraft“ der Salzbrocken auf sich? In einem offenen Brief
verrät einer der Wasser-und-Salz-Autoren das kleine Geheimnis all
seiner Theorien: „Die Materie Salz als Mittler verliert an Bedeutung
und wird ausser seiner momentanen Wechselwirkung unwesentlich, wenn der
Anwender nicht verstehen kann, welch Geist, bzw. Lebendigkeit hinter
der Sache, bzw. dem Mittler steckt.“ Die wundersame Salzwirkung tritt
nur bei dem ein, der „das notwendige metaphysische Wissen der
ganzheitlichen Zusammenhänge“ besitzt, das für diejenigen „im
Verborgenen bleiben wird, die ihr Bewusstsein dahingehend noch nicht
öffnen können“.
Nun wissen wir’s: Ohne das rechte Bewußtsein wirkt Salz also
einfach nur wie Salz. Fragt sich nur, warum man dafür so gesalzene
Preise bezahlen muß. Die Journalistin Ludmilla Tüting hat
eine knappe Antwort parat: „Esoterik-Abzocke“.
Literatur
Hendel B, Ferreira P: Wasser & Salz. Urquell des Lebens.
INA-Verlag, Herrsching, 2002
Kaussner E: Kristallines Salz – Elixier der Jugend aus dem Himalaya.
Eviva-Verlag, Siegsdorf, 2001
Frühschütz L: Nix Himalaya! „Wundersalz“ stammt aus
industriell ausgebeuteten Minen. BioHan-del 6/2003.
http://www.biohandel-online.de/html/branche/br20030604 (Stand November
2007)
Tüting L: Neue esoterische Abzocke: Der „Jungbrunnen“
Himalaya-Salz. Tourism Watch 2002/Nr. 28.
http://www.tourism-watch.de/dt/28dt/28.abzocke/index.html (Stand
November 2007)
Tüting L: Neues von der Esoterik-Abzocke „Himalaya-Salz“. Tourism
Watch 2003/Nr. 30.
http://www.tourism-watch.de/dt/30dt/30.esoterik-abzocke/index.html
(Stand November 2007)
Anon: Alles nur Kochsalz? – LGL nimmt „Himalayasalz“ unter die Lupe.
Pressemitteilung des Bayrischen Landesamtes für Gesundheit und
Lebensmittelsicherheit Nr. 038/2003.
Ferreira P: Offener Brief von Peter Ferreira für das Jahr 2002.
http://www.insidershopping.de/Aqualuxus/Energetisierung/P__Ferreira__Offener_Leserbrie/p__ferreira__offener_leserbrie.html
(Stand November 2007)
Kamphuis A: Himalaja-Salz. Skeptiker 2002/1/S.14-17
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Strychnin |
Strychnin: no dope, no hope
Man hat schon Pferde
kotzen sehen. Sogar vor der Apotheke. Zufall? Möglich, aber
vielleicht ist bloß was bei der Vorbereitung aufs nächste
Rennen schiefgegangen. Die Samen eines indischen Baums mit dem
vielsagenden Namen Brechnuß, botanisch Strophantus nux vomica, liefern
nämlich Strychnin. Und dieses Alkaloid diente keineswegs nur der
gelernten Apothekenhelferin Agatha Christie als heimtückisches
Mordmittel, es war bis weit ins letzte Jahrhundert Bestandteil vieler
„Stärkungsmittel“ oder Tonika. Nun ja, und damals wie heute wurden
Stärkungsmittel – oder was man dafür hielt – auch zur
Verbesserung der „Wettbewerbschancen“ eingesetzt.
Die für derartige Praktiken international übliche Bezeichnung
„Doping“ soll sich vom niederländischen „doop“ herleiten und
ursprünglich „Soße, Suppe“ bzw. als Tätigkeitswort
„eintunken“ bedeuten (heute heißt es „Taufe“). Der Sinneswandel
ist vermutlich das Verdienst holländischer Bauarbeiter, wie Otto
Schantz, seines Zeichens Professor für Sportgeschichte an der
Universität in Straßburg berichtet: Die Arbeiter pflegten
sich beim Aufbau von Neu-Amsterdam, heute New York, anno
16hundertnochwas regelmäßig ein stärkendes
Süppchen zu brauen – nach einem indischen Rezept. Ob dieses
Brechnußsamen enthielt, ist nicht bekannt, könnte aber sein,
denn das Doop wurde „nach einer Reihe von Todesfällen“ verboten.
Was am Bau taugt, kann auch auf der Rennbahn oder dem Sportplatz
nutzen: Der entsprechende Zaubertrank für Pferde aus dem Jahr 1932
sah neben Heroin, Kolanüssen, Nitroglyzerin und Digitalissaft auch
noch Strychnin vor ... Kein Wunder, wenn den Zossen gelegentlich noch
vor der Apotheke speiübel wurde. Und ob’s im Rennen – egal ob
alter Gaul oder junger Läufer - den gewünschten Effekt hatte,
darf ebenfalls bezweifelt werden. So wie beim Marathon der Olympischen
Spiele 1904 in St Louis. Statt frischem Wasser erhielt der spätere
Sieger Thomas Hicks während des Wettbewerbs von seinem Betreuer
Charles Lucas ein paar Schlucke Brandy aus der Feldflasche, der
zusätzlich mit ein wenig Strychnin angereichert war. Die letzten
Meter bewältigte Ärmste nur noch mit Unterstützung
zweier Helfer, die den Torkelnden (hicks!) mehr tot als lebendig
über die Ziellinie schleiften. Er erhielt die Goldmedaille, obwohl
er nur als Zweiter ins Ziel kam – der Erste hatte das Rennen mit dem
Pkw abgekürzt und wurde später disqualifiziert.
Im Glanz des olympischen Goldes gab sich Hicks findiger Trainer
überzeugt, mit seinem speziellen Energydrink Marke Rattengift
gezeigt zu haben, „daß Arzneistoffe den Läufern während
des Rennens von außerordentlichem Nutzen sind“. Der Toxikologe
Paul Dargan von der britischen Vergiftungszentrale dagegen meint
trocken, Hicks sei keinesfalls wegen, sondern höchstens trotz des
Dopings bis ins Ziel gekommen: „Noch ein bißchen mehr davon und
er wäre womöglich nie mehr gelaufen.“ Über den Brandy
mag man vielleicht noch streiten, aber Strychnin ist ein starkes Gift,
das schon damals auf eine lange Tradition beim Vergiften von Hunden,
Katzen, Krähen, Ratten und anderen unliebsamen Zeitgenossen
zurückblicken konnte.
„Strychnin kann definitiv keine Leistungssteigerung herbeiführen“,
urteilt Paul Dargan, denn „Strychnin läßt die Muskeln alle
auf einmal feuern, durcheinander und nicht koordiniert, wie es zum
Laufen erforderlich wäre. Die Muskeleffizienz wird herabgesetzt,
und das ist das Letzte, was sich ein Athlet wünschen kann.“ Bei
höherer Dosierung gehen die wilden Zuckungen nach kurzer Zeit in
heftige und äußerst schmerzhafte Krämpfe über, die
mitunter minutenlang anhalten. Typischerweise wird der Körper
dabei wie zur „Brücke“ verbogen; es kann zu Muskel- und
Sehnenrissen, ja sogar zu Wirbelbrüchen kommen. Im schlimmsten
Fall wird die Atemmuskulatur lahmgelegt, und das Opfer erstickt
qualvoll.
Warum, um Himmels willen, führt man sich ein solches Teufelszeug
freiwillig zu? Wie gesagt, damals in der guten alten Zeit lagen Tonika
(= Stärkungsmittel) voll im medizinischen Trend (siehe auch
Coca-Cola). Für den interessierten „Verbraucher“ waren
Nebenwirkungen von teurem Functional Food seinerzeit ähnlich
unvorstellbar wie für viele moderne Zeitgeistgenossen. Auch heute
realisiert kaum ein Multivitaminpillenschlucker, was es konkret
bedeutet, wenn die Sterblichkeit bei Einnahme antioxidativer Vitamine
signifikant zunimmt. „Tonika nahm man ein, sobald jemand
bläßlich aussah – also bevor man krank wurde“, erklärt
der britische Apotheker Ray Sturgess, „und dann, nach
überstandener Krankheit, um die Genesung zu beschleunigen. In den
Zeiten dazwischen nahm man die Tonika zur Sicherheit ebenfalls ein.“
Ein Tonikum mußte Eisen enthalten und rot gefärbt sein –
gegen die Blässe – und es mußte scheußlich schmecken,
weshalb man gruselige Bitterstoffe hinzufügte. Die sollten ja auch
den Appetit und die Bildung von Verdauungssäften anregen, was
wiederum der Kräftigung nur dienlich sein konnte.
Strychnin schmeckt extrem bitter; in einigen Kräuterbüchern
des 16. Jahrhunderts wurde es als Brech- und Abführmittel zum
Austreiben der „phlegmatischen und cholerischen Feuchtigkeit“
empfohlen. Seine „anregende“, die Muskeln „belebende“ Wirkung war auch
schon bekannt, weshalb man steife Glieder, Lähmungen und schwache
Herzen ganz selbstverständlich mit Brechnußpulver
traktierte. Zusammen mit dem ebenfalls bitter schmeckenden damaligen
Modestoff Chinin (der im Tonic Water bis heute fortlebt) und einer
Eisenverbindung ergab Strychnin „Easton’s Syrup“ – wie Ray Sturgess
vermerkt, „eines der am häufigsten verschriebenen Tonika für
Erwachsene“. Einzusetzen war es „in der Rekonvaleszenz nach akuten
Erkrankungen“, bei „allgemeinen Schwächezuständen mit
Anämie“ und bei „neurasthenischen Zuständen“. „Easton’s
Syrup“ befand sich in der Reiseapotheke von Sir Ernest Shackleton, als
dieser 1908 in Richtung Südpol marschierte, was für das in es
gesetzte Vertrauen spricht. Ob es dies rechtfertigen konnte, wurde
nicht überliefert. [...]
Beim Doping gibt es zwar immer viel Neues unter der Sonne, aber manche
Mythen sterben nie. So kommt es, daß Strychnin bis zum heutigen
Tage auf der Liste der verbotenen Substanzen steht. Offenbar aus gutem
Grund, wie kurze Streifzüge durch einschläge Internetforen
von Sportlern und Veröffentlichungen über analytische
Nachweisverfahren für Dopingmittel belegen. Wie es scheint,
mangelt es nicht an Einnahmewilligen, um mit ein bißchen
Rattengift fitter, gesünder oder sonstwie besser drauf zu sein.
Nicht daß es irgendetwas Vorteilhaftes bewirken würde,
allein der Glaube treibt den Markt der Nahrungsergänzungsmittel –
egal wie sinnlos oder giftig. No dope, no hope!
Literatur
Schoene C: Doping beim Pferd. Enke Verlag, Stuttgart, 1996
Abel-Wanek, U.: Agatha Christie – Arzneimittel in todsicherer Dosis.
Pharmazeutische Zeitung 2003/148/S.70-77
Pain S: Marathon Madness. New Scientist, 7.8.2004, S. 46-47
Schantz, O: Le sport dans une societ((e)) dopante. In: IEC Scientific
Conference: The Limits of Sport: Doping. Barcelona, 17.-18.6.1999
Sturgess R: The magic bottle. The Pharmaceutical Journal
1999/263/S.1015-1017.
Guly HR: Medicine in the heart of the Antarctic: 1908-2001. Emergency
Medical Journal 2002/19/S.314-317
Madaus G.: Lehrbuch der biologischen Heilmittel. Thieme, Leipzig 1938.
Blaschek W et al (Eds): Hager-ROM; Hagers Handbuch der Drogen und
Arzneistoffe. Springer, Berlin 2005
Saper RB et al: Heavy metal content of Ayurvedic herbal medicine
products. JAMA 2004/292/S.2868-2873
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Vitamin E
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Vitamin E: Viagra für Karnickel
Dabei hatte alles so
vielversprechend angefangen. Wir schreiben das Jahr 1920. US-Forscher
müssen einsehen, daß Ratten, wenn man ihnen verdorbenes Fett
zumutet, keinen Nachwuchs mehr in die Welt setzen. Füttert man
dazu Weizen- keimöl, klappt‘s wieder mit der Fortpflanzung. Der
wirksame Stoff wird alsbald aus dem Keimöl isoliert und
erhält den Namen Tocopherol. Von der Bedeutung ihrer Beobachtung
überzeugt, beschließen die Forscher 1925, es fürderhin
als Vitamin E bezeichnen. In der Folgezeit werden die Versuche auch von
anderen Forschern mit zahlreichen Versuchstier- arten wiederholt:
Jedesmal werden die armen Viecher vom ranzigen Fett krank – und
jedesmal hilft Tocopherol.
Weil das Tocopherol, alias Vitamin E, bei vergifteten Karnickeln unter
anderem die Fortpflanzung fördert, schien es geeignet,
Unterleibsphantasien eines breiteren Publikums zu bedienen. Seither
lockt der eher langweilige Stoff mit all den Versprechungen, die sich
Pubertierende jedweden Alters von einem Jungbrunnen wünschen. Doch
es kam anders als gedacht: Was das Treiben von Karnickeln im Käfig
und von Forschern im Labor beflügelt, muß noch lange nicht
beim Kunden in der Küche wirken. Und beim Versuch, die Ergebnisse
der Tierstudien am Menschen zu wiederholen, scheiter- ten die Forscher
ein ums andere Mal. Wer ißt auch schon freiwillig Verdo-benes? So
ging das Jahrzehnte. Ein Stoff, der als „lebenswichtig“ eingestuft
worden war, weigerte sich standhaft seine „lebenswichtige“ Funktion zu
offenbaren.
Sogar die (ehemaligen) Nährwertempfehlungen der USA
bestätigen das: „Erst 40 Jahre nach seiner Entdeckung im Jahr 1922
haben wir überzeugende Belege dafür, daß auch Menschen
V-tamin E brauchen.“ Und wer braucht es? „Seit kurzem ist bekannt,
daß ein Mangel nur in zwei Gruppen vorkommt: (1)
Frühgeborene mit sehr niedrigem Geburts- gewicht: Bei ihnen gehen
niedrige Plasma-Vitamin-E-Spiegel mit einigen, aber nicht mit allen
ihren medizinischen Problemen einher. (2) Patienten, die aus
unterschiedlichen Gründen Fett nicht richtig absorbieren
können ... Bei Erwachsenen muß die Absorptionsstörung
seit fünf bis zehn Jahren vorliegen, ehe leichte Mangelsymptome
auftreten.“
Man kann es auch anders sagen: Wir, die Vitaminexperten, glauben selbst
nicht mehr an die Mär vom Vitamin, aber wenn wir die Story mit ein
bißchen biochemischem Hokuspokus verbrämen, merkt das
niemand. Diesen leichtfertigen Umgang mit dem Begriff „Vitamin“ haben
vor allem Frühchen mit dem Leben bezahlt, die zur Vermeidung des
vermeintlichen Mangels reichlich mit Vitamin E versorgt wurden. Zwar
senkte das Medikament wie erwartet die Häufigkeit von
Augenschäden und Blutungen, aber es erhöhte gleichzeitig das
Risiko einer tödlichen Sepsis, so daß der Nettonutzen gleich
Null war.
Um das Vitaminrätsel aufzulösen: Wer Lebewesen verdorbenes
Futter verabreicht, vergiftet sie. Speziell Ratten lassen sich mit
überhitzten oder verdorbenen Fetten innerhalb weniger Wochen
töten. Die spezifischen Effekte hängen davon ab, welches Fett
auf welche Weise verdorben ist – weil jeweils andere toxische Stoffe
entstehen, was immer neue „Mangel“-Krankheitsbilder ermöglicht. Es
ist allgemein bekannt, daß die giftige Wirkung ranziger Fette
durch die Gabe zahlreicher Antioxidanzien aufgehoben werden kann.
Tocopherol ist folglich kein Vitamin, sondern lediglich ein
ordinäres Antioxidans für Speiseöle, wie viele andere
Antioxidanzien auch. So schützen beispielsweise BHA (E 320) und
BHT (E 321), die vielen Knabberartikeln zugesetzt werden,
gleichermaßen vor den Folgen des Konsums ranziger Fette, ohne
daß irgend jemand auf die abstruse Idee verfallen würde, sie
zum Vitamin zu ernennen.
Was haben wir von einem Stoff zu erwarten, dessen Wirkung den Verzehr
ranziger und seifiger Fette voraussetzt? Nichts. So ist auch die
Datenlage. Je schlechter das Studiendesign, desto vollmundiger die
Versprechen, zum Beispiel die berüchtigte CHAOS-Studie, die als
Beweis für einen Schutz vor dem Herzinfarkt vermarktet wurde,
obwohl die Daten eher die gegenteilige Schlußfolgerung
stützen. Je besser die Versuche geplant und dokumentiert werden,
desto enttäuschender die Ergebnisse, egal ob es um Alzheimer,
Krebs oder Herzinfarkt geht. Wobei „enttäuschend“ nicht immer das
passende Wort ist. So fand beispielsweise die großangelegte
HOPE-Studie eine erhöhte Herzinfarktrate bei
Vitamin-E-Supplementen. Die jüngsten Meta-Analysen – in der alle
bisherigen Studien, die gewisse Mindestanforde- rungen erfüllten,
zusammengefaßt wurden – entdeckten gar übereinstimmend
Gevatter Tod in den Daten: „Angesichts der erhöhten Sterblichkeit,
die mit hochdosiertem Beta-Carotin und nun auch Vitamin E einhergeht,
sollte man grundsätzlich von hochdosierten Vitaminsupplementen
abraten.“
Die aktuellen Ergebnisse kommen alles andere als überraschend.
Schon vor Jahren hatte das Bundesinstitut für Arzneimittel und
Medizinprodukte die bis dahin weit verbreitete Einnahme als
Rheumamittel infrage gestellt: „Zusammenfassend“, urteilte die
Behörde, „sind die vorliegenden klinischen Studien zu Vitamin E
bei rheumatischen Erkrankungen nicht geeignet, die klinische
Wirksamkeit zu belegen und die vorgesehene hohe Dosierung sowie eine
Langzeitanwendung von Vitamin E ausreichend zu begründen.“
Angesichts der möglichen Nebenwirkungen von hochdosiertem Vitamin
E riet die oberste Arzneimittelbehörde Rheumatikern sogar von
Vitamin-E-Pillen ab.
Das Arzneimittelkursbuch, einer der wenigen unabhängigen
Informationsdienste für Ärzte und Apotheker kommt denn auch
zu folgendem Resultat: „Eigentlich müssten Vitamin E
(Tokopherol)-produkte unverkäuflich sein, da die Existenz
relevanter Vitamin-E-Mangelkrankheiten beim Menschen nicht nachgewiesen
ist. Das Geschäft läuft daher über die Propagierung als
Modevitamin bei Fantasie-Indikationen wie vorzeitiges Altern,
Vitalitätsverlust, Leistungssteigerung, klimakterische
Beschwerden, Adjuvans bei Herz- und Kreislaufstörungen,
Claudicatio intermittens u.a.“ Die Liste der Phantasieindikationen wird
in den nächsten Jahren gewiß wieder um einiges länger –
die Gesichter der Vitaminforscher beim Überprüfen ihrer
Phantasien vermutlich auch.
In niedriger Dosis, wie sie für unsere Nahrung typisch sind,
liegen bisher keinerlei Verdachtsmomente für Risiken durch
Tocopherole vor. Aber je höher die Supplementendosis, desto mehr
Nebenwirkungen werden berichtet: Muskel- schwäche, extreme
Müdigkeit, Übelkeit, Sehstörungen, gelbliche Flecken auf
dem Zahnschmelz, Leberfunktions- störungen, Angina pectoris,
Abfall der Schilddrüsenhormonspiegel im Blut und erhöhte
Blutungsneigung. Mit der letztgenannten Nebenwirkung tritt Vitamin E
als Verstärker von gerinnungshemmenden Medikamenten auf den Plan.
Wer also seine Erbtante schneller vom Diesseits ins Jenseits
befördern will, könnte beim nächsten Besuch statt einer
Schachtel Pralinen mal eine Packung Vitamine mitbringen.
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