Udo Pollmer, Susanne Warmuth

Pillen, Pulver, Powerstoffe
Die falschen Versprechen der Nahrungsergänzungsmittel
Eichborn Verlag 2008



 
"Heiß getrunken soll er gesund sein; er zerstreut die Melancholie, trocknet die Tränen, beschwichtigt den Zorn und erzeugt freudige Gefühle ... Nichtsdesto- weniger würden die Perserleute ihn nicht so sehr schätzen, wenn nicht die Überlieferung lehrte: Er sei erfunden und erzeugt vom Engel Gottes, Gabriel, um die Kräfte Mohammeds, die schwindenden wiederherzustellen. Mohammed selbst habe sich gerühmt: Jedes Mal, wenn er den Zaubertrank einnahm, habe er eine Kraft verspürt, vierzig Männer vom Sattel zu heben und vierzig Frauen zu beschlafen."

So funktioniert Werbung für Functional Food und Nahrungsergänzungsmittel. Die Rede ist übrigens von Kaffee.

          Titel Powerstoffe

 

Vorwort

Appetithäppchen


„Sie haben drei Wünsche frei!“,

säuselt die Functional-Food-Fee und zaubert mit professionellem Lächeln ewige Jugend, strahlende Schönheit und pralle Gesundheit in Saftflaschen und Margarinetöpfchen auf die Mattscheibe. Eine Werbeunterbrechung später zieht der beschlipste Kollege von der Nahrungsergänzungsfraktion elegant Kapseln, Pillen und Brausetabletten aus dem Hut und verheißt mit sonorer Stimme die Erfüllung derselben Herzenswünsche. Bei diesem Supersondersparpreis - nur für kurze Zeit! im praktischen 500er-Pack! – sollten Sie unbedingt gleich zugreifen. Natürlich waren nur die Wünsche frei, die Ware kostet selbstverständlich ...

Manche Dinge ändern sich nie, zum Beispiel der Wunsch, gesund, schön und potent zu sein. Wider besseres Wissen – das heißt gegen die alltägliche Erfahrung – hört die Menschheit offenbar nie auf zu hoffen, daß soeben ein Wundermittel gegen Krankheit und Verfall entdeckt wurde. Unsere Altvorderen bauten auf Ziegenkot und Einhornpulver gegen Zahnwurm oder Hexenwerk. Die aufgeklärten Zeitgenossen von heute bestellen Schönheitsvitamine, Powerstoffe und Muschelpulver gegen Krebs, Cellulitis und die Angst vor dem Tod. Natürlich will niemand mehr an Zauberei glauben, aber das, was moderne Wundermittel versprechen, ist nichts anderes. Da auch der Nepp mit der Zeit geht, sind die Begründungen, warum sie wirken müssen, allerdings nur noch selten dem magisch-religiösen Wortschatz entlehnt; dem Hokospokus von heute hängt man statt dessen mit allerlei biochemischen Phrasen ein pseudowissenschaftliches Mäntelchen um. Keck wie Mäusedreck!

Doch das sind Äußerlichkeiten. Am Ende werden Kunden immer damit geködert, daß ihnen andere Menschen im Brustton der Überzeugung versichern, das Produkt funktioniere genau so, wie sie es sich wünschen. Wenn der seriös wirkende Fernsehzahnarzt eine bestimmte Zahnbürste empfiehlt, wenn Mutter und Tochter in der heimischen Küche über Abführmittel philosophieren, wenn Oma und Opa auf die Kraft der zwei Herzen schwören oder wenn der sympathische Wetterfrosch mit windzerzaustem Haar probiotische Milchprodukte schlürft, dann sind das nur ein paar Varianten des großen Glaub-mir-und-kauf-das-Spiels. Dabei spielt es nicht die geringste Rolle, ob der beworbene Artikel hält, was die Akteure behaupten – oder ob die Akteure überhaupt irgendeine Ahnung davon haben, was sie da gerade vertickern.

Es ist schon erstaunlich, wie wenig sich das offenkundig Irrationale und das scheinbar Logische unterscheiden, wenn es darum geht, potenziellen Kunden, das Geld aus der Tasche zu leiern! Da praktisch jeden Tag irgendein neues „Vitalsierungsprodukt“ aus irgendwelchen Reststoffen nach immer dem gleichen Muster generiert wird, wie eine Flut von einschlägigen Patentschriften aus vieler Herren Länder belegt, war uns weniger daran gelegen, ein umfassendes Lexikon der Nahrungsergänzungsmittel zusammenzustellen. Wir wollen Ihnen vielmehr die Highlights der Wunderstoffe zeigen, ihren Aufstieg, ihren Fall und ihre Wandlungsfähigkeit.

Neben Nahrungsergänzung oder Functional Food aus dem aktuellen Angebot werden Sie auch auf Mittel stoßen, die schon wieder aus der Mode gekommen sind, wie Mumienpulver (einst einer der ganz großen Renner der Szene), oder die ihren einst omnipotenten Gesundheitscharakter durch Profanisierung verloren haben, wie Coca-Cola. Daneben stellen wir einige Kandidaten aus der ganz gewöhnlichen Lebensmittelwelt vor, die man mit Fug und Recht als „funktionell“ bezeichnen könnte, denen die Experten diesen Titel aber beharrlich vorenthalten, zum Beispiel Kaffee, Kaugummi oder Bärendreck. Last not least werden Sie auf ein paar schier unglaubliche Geschichten stoßen ..., aber wir wollen nicht zuviel verraten. Lesen Sie los! Und lassen Sie sich bloß keinen Bären aufbinden!


Als Appetithäppchen reichen wir Ihnen folgende Texte:

> Grapefruitkernextrakt: putzt die Platte
> Himalayasalz: versetzt Gebirge
> Strychnin: no dope, no hope
> Vitamin E: Viagra für Karnickel
 


Grapefruitkernextrakt

Grapefruitkernextrakt: putzt die Platte

Wie der Zufall so spielt, soll ein amerikanischer Gärtner eines schönen Tages beobachtet haben, daß die Grapefruitkerne auf seinem Komposthaufen nicht verrotteten. Daraus schloß er messerscharf, die unschuldigen kleinen Kerne müßten ein hochwirksames Antibiotikum enthalten, mit dem sie zersetzendem Gelichter wie Pilzen und Bakterien heroisch die Stirn böten. Rührende Geschichte. Vielleicht hatte aber auch nur der Mitarbeiter einer Saftfabrik eine Idee, wie man die Rückstände der Saftpresse gewinnbringend weiterverwerten könnte statt sie für teuer Geld zu entsorgen. Das wäre zwar weniger rührend, aber immerhin ziemlich rührig. Vor allem weil die Amis Weltmeister im Trinken von Grapefruitsaft sind, da bleiben schon ein paar hübsche Tönnchen Kerne und Pulpe (das sind die Häute um die Fruchtschnitze) übrig. Natürlich kann man das Zeug, wie so vieles andere auch, den Schweinen geben, aber eine „Verfütterung“ als Nahrungsergänzungsmittel an Exemplare des Homo sapiens bringt unterm Strich deutlich mehr Peanuts (neudeutsch für „größere Mengen Kleingeld“).

Wir wissen nicht, ob sich die Geschichte mit den Grapefruitkernen so oder so abgespielt hat, auf jeden Fall hört sich die Story vom klugen Gärtner für Menschen mit Hang zum Natürlichen viel sympathischer an. Biologisch gegärtnerte Antibiotika wären das Non-plus-Ultra. Besonders für all die Gesundheitsbewußten, deren Abscheu vor ih-pfui-chemisch-synthetischen Mitteln ebenso groß ist wie ihr Vertrauen in die ewiggute Urmutter Natur. Nix gegen Romantik, aber erstens stammen die Vorläufer vieler heute industriell hergestellter Antibiotika ebenfalls aus dem Schatzkästlein der Natur (sie wurden zumeist im Dreck von Pfützen aufgespürt), und zweitens ist auch die Natur an und für sich kein biblisch-paradiesischer Zustand, sondern ein Kampf ums Dasein, der von den Beteiligten mitunter mit harten Bandagen ausgetragen wird: Penicillin, Streptomycin, Tetracyclin, Bacitracin, um nur ein paar der bekannteren Antibiotika zu nennen, sind allesamt chemische Waffen von Mikroben gegen Mikroben.

Was also ist der Unterschied zwischen einem Grapefruitkernextrakt, der nach Aussagen der Anbieter Hunderten von Bakterien-, Pilz- und Virenstämmen das Lebenslicht auspustet, und einem konventionellen Antibiotikum? Ganz einfach: Er ist nicht als Arzneimittel zugelassen. Deshalb lobt man ihn in Werbeschriften wohl auch lieber als „das mit Abstand interessanteste, rein biologische Konservierungs-, Hygiene- und Antiparasitenmittel der Zukunft“ und verkauft ihn in der Gegenwart auch schon mal als Nahrungsergänzungsmittel.

Weshalb sich der Mensch freiwillig und eigenhändig Desinfektionsmittel und Antiparasitika einverleiben soll? Gute Frage! Angeblich, um damit das Wohlbefinden zu steigern und das Immunsystem zu stärken. (Ob das die probiotischen Keime aus dem Joghurt auch wissen?) Naja, vielleicht schmeckt das Zeug einfach besser als Meister Proper und andere Kandidaten aus der Rohrreinigerfraktion. Erstaunlich ist allerdings, daß ausnahmsweise nicht mit Anti-Aging geworben wird, Sie wissen schon, wegen der Konservierung ...

Nein, das Marketing setzt voll auf die gerade wieder grassierende Mikrobenhysterie. Nach einer Phase relativer Ruhe an der Putzmittelfront (die Generation der chemieboykottierenden Ökopaxe kommt langsam in die Jahre) wittern die professionellen Saubermänner wieder zitrusfrische Morgenluft. Dank der Aufklärung durch gestylte Hausdamen in spiegelnden Küchen und Bädern sehen sich die Verbraucher von Heerscharen unsichtbarer und höchst bösartiger Aliens umzingelt. Doch die Rettung naht! Zum Glück hat die Industrie viele tolle Produkte entwickelt – antibakteriellen Weichspüler, antibakterielle Zahnpasta, antibakterielle Matratzenschoner, antibakterielle Wurstpellen, antibakterielle ... – alles zum Schnäppchenpreis. Und die Vermarkter der Grapefruitkernextrakte schlagen in genau die gleiche Kerbe wie die Produzenten gewöhnlicher Wasch- und Reinigungsmittel: „Pilze, Bakterien und andere mikroskopisch kleine und teilweise sehr gesundheitsschädliche Parasiten nutzen auch die kleinste Fuge, um sich unbemerkt vom Alltagsgeschehen unaufhaltsam zu vermehren“, heißt es auf der Internetseite eines Anbieters. Wie schön, daß das Grapefruitzeug „nahezu bei jedem Reinigungs- und Desinfektionsverfahren eingesetzt werden [kann], beim Geschirrabwaschen, Reinigung von Möbeln und Fussboden, in der Küche, im Bade-zimmer, in der Toilette ...“.

Doch „bio“ hin oder her: „Der Einsatz von Desinfektionsmitteln im Haushalt ist grundsätzlich überflüssig“ teilten das Umweltbundesamt (UBA), das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) und das Robert-Koch-Institut im Sommer 2000 per gemeinsamer Presseerklärung mit, weil ihnen die Gruselkampagnen der Saubermänner über die Hutschnur gingen. Als wichtigste Maßnahme zum Schutz vor Infektionen durch im Haushalt vorkommende Keime, empfahlen die Institute: „Händewaschen, besonders nach dem Toilettenbesuch.“

Andere Wissenschaftler mahnen, es mit dem Reinlichkeitsfimmel nicht zu übertreiben, weil durch den übermäßigen Gebrauch von Keimtötern im Haushalt unter Umständen resistente Mikroben herangezogen werden – so wie sich die Medizin durch allzu eifrige Verwendung von Antibiotika Pathogene „herangezüchtet“ hat, die nur noch schwer zu kontrollieren sind. Die naheliegende Frage, ob der angeblich so potente Zitrusextrakt nicht vielleicht ebenfalls Resistenzen provoziert, stellt sich den Anbietern offenbar nicht. Sie versprechen lieber, daß ihre universell wirksamen Naturprodukte, „eine ganze Reihe von umwelt- und gesundheitsschädlichen Präparaten und Substanzen mit zum Teil hochschädigenden Nebenwirkungen ersetzen“ könnten. Na, dann wollen wir mal gucken, was da für zauberhafte Wunderdinge drin sind.

Das dachten sich wohl auch Chemiker und Mikrobiologen. Schon allzulange stand der Verdacht im Raum, die kommerziellen Grapefruitkernextrakte enthielten als wirksames Agens schlicht stinknormale chemisch-synthetische Bakterienkiller wie Triclosan oder Benzethoniumchlorid. Beides ist hierzulande in Lebensmitteln verboten, Nahrungsergänzungsmittel mit diesen Beimengungen sind nicht verkehrsfähig. Allerdings würde ihre Anwesenheit die phantastischen Wirkungen der Extrakte sehr gut erklären. Solch ketzerische Behauptungen wiesen die Anbieter verständlicherweise entrüstet von sich.

Eine ausgefeilte Studie, durchgeführt am Institut für Pharmazie und am Institut für Hygiene der Universität Greifswald, lüftete das Geheimnis. Die Wissenschaftler besorgten sich im Handel sechs verschiedene Grapefruitkernextrakte und testeten sie in unterschiedlichen Verdünnungen an fünf Bakterienstämmen (für Kenner: Bacillus subtilis, Escherichia coli, Staphylococcus aureus, Micrococcus flavus, Serratia marcescens). Von den sechs Extrakten waren fünf höchst effektiv, der sechste wirkte nicht einmal, als die Forscher versuchten, die Bazillen mit dem puren Extrakt buchstäblich zu ersäufen. Allerdings war dieser der einzige, bei dem die Herstellerangabe „frei von Konservierungsstoffen und Pestiziden“ zutraf. Die anderen fünf enthielten alle Benzethoniumchlorid und zwar, wie die Autoren schreiben, in „beträchtlichen Mengen“. In drei von diesen fünf Produkten wurden außerdem sowohl Methylparaben (ein starkes Konservierungsmittel) als auch Triclosan nachgewiesen.

Wie weitere Abklärungen ergaben, entsprach das Wirkungsspektrum der kommerziellen Grapefruitkernextrakte exakt dem der verschwiegenen Zusätze. Mit reiner „Zitruskraft“ allein war nichts gegen die Mikroben auszurichten. Inzwischen haben mehrere unabhängige Studien die Aussagen der Greifswalder Spezialisten mit unterschiedlichen Methoden bestätigt. 

„Das also war des Pudels Kern“ sprach Goethes Faust (I, 1 323), als er entdeckte, daß der teufli-sche Mephistopheles in Gestalt des possierlichen Vierbeiners aufgetreten war. Und wir wissen nun, daß die Grapefruit im Kern völlig harm- und wirkungslos ist, während die sagenhaften Effekte des angeblichen Naturputzmittels auf Stoffe zurückzuführen sind, wie wir sie von den oben zitierten „umwelt- und gesundheitsschädlichen Präparaten und Substanzen mit zum Teil hochschädigenden Nebenwirkungen“ kennen.


Literatur
Sinclair WB: The Biochemistry and Physiology of the Lemon and Other Citrus Fruits. University of California, Oakland 1984
UBA/BgVV/RKI: Antibakterielle Reinigungsmittel im Haushalt nicht erforderlich. Gemeinsame Pressemitteilung von Umweltbundesamt (UBA), Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucher-schutz und Veterinärmedizin (BgVV) und Robert Koch-Institut (RKI), 22.08.2000
Larson EL et al: Effect of antibacterial home cleaning and handwashing products on infectious disease symptoms. Annals of Internal Medicine 2004/140/S.321-329
Aiello AE, Larson EL: What is the evidence for a causal link between hygiene and infections? Lancet Infectious Diseases 2002/2/S.103-110
Levy SB: Antibacterial Household Products: Cause for Concern. Emerging Infectious Diseases 2001/7/ Suppl/S.512-515
Anon.: Grapefruitkernextrakt – ein biologisches Breitbandantibiotikum? arznei-telegramm ((sic!)) 1998/29/S.25-26
Anon.: Grapefruitkernextrakt – Wirkprinzip Konservierungsmittel? arznei-telegramm ((sic!)) 1999/30/S.47
von Woedtke T et al: Aspects of the antimicrobial efficacy of grapefruit seed extract and its rela-tion to preservative substances contained. Pharmazie 1999/54/S.452-456
Takeoka G et al: Identification of benzethonium chloride in commercial grapefruit seed extracts. Journal of Agricultrual and Food Chemistry 2001/49/S.3316-3320
Sakamoto S et al: [Analysis of components in natural food additive „grapefruit seed extract“ by HPLC and LC/MS]. Eisei Shikenjo Hokoku 1996/114/S.38-42
Ganzera M et al: Development and validation of an HPLC/UV/MS method for simultaneaous de-termination of 18 preservatives in grapefruit seed extract. Journal of Agricultural and Food Che-mistry 2006/54/S.3768-3772

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Himalayasalz

Himalayasalz versetzt Gebirge

Das rötlich schimmernde Salz – es firmiert auch unter den Bezeichnungen Kristall-, Karakorum- oder Hunza-Salz – avancierte in den letzten Jahren zum Verkaufsschlager in der Reform- und Naturkostszene. Alle Anbieter berufen sich bei ihren Lobeshymnen direkt oder indirekt auf das Buch Wasser & Salz, Urquell des Lebens, das den Boom überhaupt erst ausgelöst hat. Die Autoren empfehlen das wundersame Salz bei Hauterkrankungen von Neurodermitis bis Herpes, bei Asthma, Heuschnupfen und Erkältungskrankheiten, bei Gicht, Rheuma, Arthrose, Arthritis und Osteoporose. Auch bei Verdauungsbeschwerden, Stoffwechselstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Konzentrationsschwäche und Schlafstörungen verspricht die innerliche und äußerliche Anwendung Linderung. Nicht zu vergessen Krebs, Frauenleiden und Schwermetallbelastungen. Das alles soll man mit einem Teelöffel Salz erreichen können, der morgens – in Quellwasser versteht sich – auf nüchternen Magen getrunken wird.

Nach der Kristallsalz-Theorie handelt es sich bei sämtlichen Befindlichkeitsstörungen „nur um unterschiedliche Ausprägungen einer einzigen Krankheit, nämlich dem Defizit an Energie“. Und die heilsame Wirkung des Salzes „basiert auf seinem spezifischen Schwingungsmuster, mit dem die Energiedefizite des Körpers ausgeglichen werden können“. Selbstverständlich kann die „Neutralkraft“ des Salzes auch „krank machende, elektromagnetische Schwingungen in unserem Umfeld ausgleichen“, man denke nur an Handys, Mikrowellengeräte und Sendemasten. Andere Autoren preisen das Salz aus dem Himalaya als „Elixier der Jugend“.

Phantastisch! Allein es fehlt der Glaube. Erstens: Auf dem Dach der Welt gibt es keine Salzbergwerke, weder im Karakorumgebirge noch im Hunza-Tal, wo die vielen werbewirksamen Hundertjährigen zuhause sind. Alle sogenannten Himalayasalze werden – wenn sie nicht aus Berchtesgaden oder anderen ausgewiesenen Orten heimischer Salzgewinnung stammen – allenfalls aus der „Salt Range“, einer Hügelkette in Pakistan, importiert. Das bestätigte einer der Hauptimporteure (unter Berufung auf Geologen, Salzexperten und höchste Regierungsstellen vor Ort) dem Journalisten Leo Frühschütz, der im Auftrag der Zeitschrift BioHandel die Herkunft der diversen Himalayasalze recherchierte. Zum selben Ergebnis kam Ludmilla Tüting, Redakteurin von Tourism Watch, einem Informationsdienst des Evangelischen Entwicklungsdienstes, und Kennerin der Region: „Im Himalaya gibt es von einer handvoll Salzseen abgesehen überhaupt kein Salz, Minen erst gar nicht.“ Kein Wunder, daß die Werbedichter nun versuchen, die „Salt Range“ zu Ausläufern des Himalayas zu erklären, was geologisch jedoch schlichtweg falsch ist.

Auf der falschen Herkunftsangabe müßte man nicht so herumreiten, würden die Anbieter nicht behaupten, der über Jahrmillionen auf dem Salz lastende Druck des gewaltigen Gebirges mache es so besonders wertvoll: „Je höher die Kompression, desto höher die kristalline Struktur mit ihrem Ordnungszustand.“ Was aber, wenn nicht Fünf-, Sechs-, Sieben- oder gar Achttausender auf den Salzstock gedrückt haben, sondern nur ein paar mickrige Hügelchen von um die 800 Meter, wie es bei der „Salt Range“ der Fall ist? Kein Druck, keine Ordnung, keine Wirkung? Da könnten es die Händler gleich in Berchtesgaden ordern – schließlich bieten die dortigen Salinen dem interessierten Großkunden ebenfalls kristalline Salzbrocken in allen Größen, Formen und Farben an.

Zweitens: Egal ob aus Bayern oder Pakistan, es handelt sich so oder so um gewöhnliches Steinsalz (fachsprachlich Halit), wie es überall auf der Erde durch geologische Prozesse entstanden ist. Steinsalz besteht aus Natriumchlorid, das meist mit geringen Mengen anderer Verbindungen verunreinigt ist. Diese spiegeln allerdings weniger die Zusammensetzung eines ominösen „Urmeers“ wieder als vielmehr die geochemischen und geophysikalischen Prozesse, die zur Abscheidung von Salzkrusten im Gestein führten. So kommt es durchaus nicht selten vor, daß Steinsalz auch Spuren von Schwermetallen, Erdgas, Erdöl und andere Beimengungen enthält. Daher rührt etwa die interessante rötliche Farbe. Und aus gutem Grund wird Steinsalz deshalb in der Regel raffiniert, also gereinigt.

Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, das 15 Himalayasalz-Proben untersuchte, fand – wen wundert es? – darin zu etwa 98 Prozent Natriumchlorid, was für ein Steinsalz ziemlich normal ist, und im Rest maximal acht andere Mineralstoffe, auf keinen Fall jedoch die von den Himalayasalz-Freunden behaupteten 84 Elemente des „Urmeers“. Zum Glück, möchte man meinen, denn auf Radium, Uran, Arsen, Blei oder ähnliches, würden die meisten Konsumenten vermutlich doch lieber verzichten. Daran ändert auch der Marketingkniff nichts, schnödes Steinsalz nach dem sprachlichen Vorbild des raffinierten Kristallzuckers in edles „Kristall“salz umzudefinieren. Doch die Kundschaft läßt sich das Wortgeklingel einiges kosten: Was im Einkauf weniger als einen Euro pro Kilo wert ist, erreicht im im Bioladen Preise bis zu 25 Euro!

Drittens, die gesundheitlichen Wirkungen. Bei den meisten der angeführten Anwendungsbeispiele handelt es sich um alte Hüte, denn in der Tat wird Sole, also Kochsalzlösung, in Form von Bädern schon seit langem zur Behandlung von Hauterkrankungen, rheumatischen Beschwerden und vegetativen Störungen verwendet. Ebenso klassisch sind Inhalationen bei Asthma und Allergien oder die Nasenspülung zur Vorbeugung von Erkältungskrankheiten und Verstopfungen der Nebenhöhlen. Nur mußte das Salz bislang nicht aus dem Himalaya stammen, die traditionsreichen Heilbäder und Kuranstalten kamen mit hiesigen Mineralwässern und Salzvorkommen ganz gut zurecht.

Und was hat es dann mit den geheimnisvollen „Schwingungsmustern“ und der „Neutralkraft“ der Salzbrocken auf sich? In einem offenen Brief verrät einer der Wasser-und-Salz-Autoren das kleine Geheimnis all seiner Theorien: „Die Materie Salz als Mittler verliert an Bedeutung und wird ausser seiner momentanen Wechselwirkung unwesentlich, wenn der Anwender nicht verstehen kann, welch Geist, bzw. Lebendigkeit hinter der Sache, bzw. dem Mittler steckt.“ Die wundersame Salzwirkung tritt nur bei dem ein, der „das notwendige metaphysische Wissen der ganzheitlichen Zusammenhänge“ besitzt, das für diejenigen „im Verborgenen bleiben wird, die ihr Bewusstsein dahingehend noch nicht öffnen können“.

Nun wissen wir’s: Ohne das rechte Bewußtsein wirkt Salz also einfach nur wie Salz. Fragt sich nur, warum man dafür so gesalzene Preise bezahlen muß. Die Journalistin Ludmilla Tüting hat eine knappe Antwort parat: „Esoterik-Abzocke“.

Literatur
Hendel B, Ferreira P: Wasser & Salz. Urquell des Lebens. INA-Verlag, Herrsching, 2002
Kaussner E: Kristallines Salz – Elixier der Jugend aus dem Himalaya. Eviva-Verlag, Siegsdorf, 2001
Frühschütz L: Nix Himalaya! „Wundersalz“ stammt aus industriell ausgebeuteten Minen. BioHan-del 6/2003. http://www.biohandel-online.de/html/branche/br20030604 (Stand November 2007)
Tüting L: Neue esoterische Abzocke: Der „Jungbrunnen“ Himalaya-Salz. Tourism Watch 2002/Nr. 28. http://www.tourism-watch.de/dt/28dt/28.abzocke/index.html (Stand November 2007)
Tüting L: Neues von der Esoterik-Abzocke „Himalaya-Salz“. Tourism Watch 2003/Nr. 30. http://www.tourism-watch.de/dt/30dt/30.esoterik-abzocke/index.html (Stand November 2007)
Anon: Alles nur Kochsalz? – LGL nimmt „Himalayasalz“ unter die Lupe. Pressemitteilung des Bayrischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit Nr. 038/2003.
Ferreira P: Offener Brief von Peter Ferreira für das Jahr 2002. http://www.insidershopping.de/Aqualuxus/Energetisierung/P__Ferreira__Offener_Leserbrie/p__ferreira__offener_leserbrie.html (Stand November 2007)
Kamphuis A: Himalaja-Salz. Skeptiker 2002/1/S.14-17

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Strychnin

Strychnin: no dope, no hope

Man hat schon Pferde kotzen sehen. Sogar vor der Apotheke. Zufall? Möglich, aber vielleicht ist bloß was bei der Vorbereitung aufs nächste Rennen schiefgegangen. Die Samen eines indischen Baums mit dem vielsagenden Namen Brechnuß, botanisch Strophantus nux vomica, liefern nämlich Strychnin. Und dieses Alkaloid diente keineswegs nur der gelernten Apothekenhelferin Agatha Christie als heimtückisches Mordmittel, es war bis weit ins letzte Jahrhundert Bestandteil vieler „Stärkungsmittel“ oder Tonika. Nun ja, und damals wie heute wurden Stärkungsmittel – oder was man dafür hielt – auch zur Verbesserung der „Wettbewerbschancen“ eingesetzt.

Die für derartige Praktiken international übliche Bezeichnung „Doping“ soll sich vom niederländischen „doop“ herleiten und ursprünglich „Soße, Suppe“ bzw. als Tätigkeitswort „eintunken“ bedeuten (heute heißt es „Taufe“). Der Sinneswandel ist vermutlich das Verdienst holländischer Bauarbeiter, wie Otto Schantz, seines Zeichens Professor für Sportgeschichte an der Universität in Straßburg berichtet: Die Arbeiter pflegten sich beim Aufbau von Neu-Amsterdam, heute New York, anno 16hundertnochwas regelmäßig ein stärkendes Süppchen zu brauen – nach einem indischen Rezept. Ob dieses Brechnußsamen enthielt, ist nicht bekannt, könnte aber sein, denn das Doop wurde „nach einer Reihe von Todesfällen“ verboten.

Was am Bau taugt, kann auch auf der Rennbahn oder dem Sportplatz nutzen: Der entsprechende Zaubertrank für Pferde aus dem Jahr 1932 sah neben Heroin, Kolanüssen, Nitroglyzerin und Digitalissaft auch noch Strychnin vor ... Kein Wunder, wenn den Zossen gelegentlich noch vor der Apotheke speiübel wurde. Und ob’s im Rennen – egal ob alter Gaul oder junger Läufer - den gewünschten Effekt hatte, darf ebenfalls bezweifelt werden. So wie beim Marathon der Olympischen Spiele 1904 in St Louis. Statt frischem Wasser erhielt der spätere Sieger Thomas Hicks während des Wettbewerbs von seinem Betreuer Charles Lucas ein paar Schlucke Brandy aus der Feldflasche, der zusätzlich mit ein wenig Strychnin angereichert war. Die letzten Meter bewältigte Ärmste nur noch mit Unterstützung zweier Helfer, die den Torkelnden (hicks!) mehr tot als lebendig über die Ziellinie schleiften. Er erhielt die Goldmedaille, obwohl er nur als Zweiter ins Ziel kam – der Erste hatte das Rennen mit dem Pkw abgekürzt und wurde später disqualifiziert.

Im Glanz des olympischen Goldes gab sich Hicks findiger Trainer überzeugt, mit seinem speziellen Energydrink Marke Rattengift gezeigt zu haben, „daß Arzneistoffe den Läufern während des Rennens von außerordentlichem Nutzen sind“. Der Toxikologe Paul Dargan von der britischen Vergiftungszentrale dagegen meint trocken, Hicks sei keinesfalls wegen, sondern höchstens trotz des Dopings bis ins Ziel gekommen: „Noch ein bißchen mehr davon und er wäre womöglich nie mehr gelaufen.“ Über den Brandy mag man vielleicht noch streiten, aber Strychnin ist ein starkes Gift, das schon damals auf eine lange Tradition beim Vergiften von Hunden, Katzen, Krähen, Ratten und anderen unliebsamen Zeitgenossen zurückblicken konnte.

„Strychnin kann definitiv keine Leistungssteigerung herbeiführen“, urteilt Paul Dargan, denn „Strychnin läßt die Muskeln alle auf einmal feuern, durcheinander und nicht koordiniert, wie es zum Laufen erforderlich wäre. Die Muskeleffizienz wird herabgesetzt, und das ist das Letzte, was sich ein Athlet wünschen kann.“ Bei höherer Dosierung gehen die wilden Zuckungen nach kurzer Zeit in heftige und äußerst schmerzhafte Krämpfe über, die mitunter minutenlang anhalten. Typischerweise wird der Körper dabei wie zur „Brücke“ verbogen; es kann zu Muskel- und Sehnenrissen, ja sogar zu Wirbelbrüchen kommen. Im schlimmsten Fall wird die Atemmuskulatur lahmgelegt, und das Opfer erstickt qualvoll.

Warum, um Himmels willen, führt man sich ein solches Teufelszeug freiwillig zu? Wie gesagt, damals in der guten alten Zeit lagen Tonika (= Stärkungsmittel) voll im medizinischen Trend (siehe auch Coca-Cola). Für den interessierten „Verbraucher“ waren Nebenwirkungen von teurem Functional Food seinerzeit ähnlich unvorstellbar wie für viele moderne Zeitgeistgenossen. Auch heute realisiert kaum ein Multivitaminpillenschlucker, was es konkret bedeutet, wenn die Sterblichkeit bei Einnahme antioxidativer Vitamine signifikant zunimmt. „Tonika nahm man ein, sobald jemand bläßlich aussah – also bevor man krank wurde“, erklärt der britische Apotheker Ray Sturgess, „und dann, nach überstandener Krankheit, um die Genesung zu beschleunigen. In den Zeiten dazwischen nahm man die Tonika zur Sicherheit ebenfalls ein.“ Ein Tonikum mußte Eisen enthalten und rot gefärbt sein – gegen die Blässe – und es mußte scheußlich schmecken, weshalb man gruselige Bitterstoffe hinzufügte. Die sollten ja auch den Appetit und die Bildung von Verdauungssäften anregen, was wiederum der Kräftigung nur dienlich sein konnte.

Strychnin schmeckt extrem bitter; in einigen Kräuterbüchern des 16. Jahrhunderts wurde es als Brech- und Abführmittel zum Austreiben der „phlegmatischen und cholerischen Feuchtigkeit“ empfohlen. Seine „anregende“, die Muskeln „belebende“ Wirkung war auch schon bekannt, weshalb man steife Glieder, Lähmungen und schwache Herzen ganz selbstverständlich mit Brechnußpulver traktierte. Zusammen mit dem ebenfalls bitter schmeckenden damaligen Modestoff Chinin (der im Tonic Water bis heute fortlebt) und einer Eisenverbindung ergab Strychnin „Easton’s Syrup“ – wie Ray Sturgess vermerkt, „eines der am häufigsten verschriebenen Tonika für Erwachsene“. Einzusetzen war es „in der Rekonvaleszenz nach akuten Erkrankungen“, bei „allgemeinen Schwächezuständen mit Anämie“ und bei „neurasthenischen Zuständen“. „Easton’s Syrup“ befand sich in der Reiseapotheke von Sir Ernest Shackleton, als dieser 1908 in Richtung Südpol marschierte, was für das in es gesetzte Vertrauen spricht. Ob es dies rechtfertigen konnte, wurde nicht überliefert. [...]

Beim Doping gibt es zwar immer viel Neues unter der Sonne, aber manche Mythen sterben nie. So kommt es, daß Strychnin bis zum heutigen Tage auf der Liste der verbotenen Substanzen steht. Offenbar aus gutem Grund, wie kurze Streifzüge durch einschläge Internetforen von Sportlern und Veröffentlichungen über analytische Nachweisverfahren für Dopingmittel belegen. Wie es scheint, mangelt es nicht an Einnahmewilligen, um mit ein bißchen Rattengift fitter, gesünder oder sonstwie besser drauf zu sein. Nicht daß es irgendetwas Vorteilhaftes bewirken würde, allein der Glaube treibt den Markt der Nahrungsergänzungsmittel – egal wie sinnlos oder giftig. No dope, no hope!

Literatur
Schoene C: Doping beim Pferd. Enke Verlag, Stuttgart, 1996
Abel-Wanek, U.: Agatha Christie – Arzneimittel in todsicherer Dosis. Pharmazeutische Zeitung 2003/148/S.70-77
Pain S: Marathon Madness. New Scientist, 7.8.2004, S. 46-47
Schantz, O: Le sport dans une societ((e)) dopante. In: IEC Scientific Conference: The Limits of Sport: Doping. Barcelona, 17.-18.6.1999
Sturgess R: The magic bottle. The Pharmaceutical Journal 1999/263/S.1015-1017.
Guly HR: Medicine in the heart of the Antarctic: 1908-2001. Emergency Medical Journal 2002/19/S.314-317
Madaus G.: Lehrbuch der biologischen Heilmittel. Thieme, Leipzig 1938.
Blaschek W et al (Eds): Hager-ROM; Hagers Handbuch der Drogen und Arzneistoffe. Springer, Berlin 2005
Saper RB et al: Heavy metal content of Ayurvedic herbal medicine products. JAMA 2004/292/S.2868-2873
Osborne OT: Disturbances of the Heart. 2. A. The Journal of American Medical Association, Chicago, 1916
Eichholtz F: Lehrbuch der Pharmakologie im Rahmen einer allgemeinen Krankheitslehre. Springer, Berlin 1947
Anon.: Arsenic with a straight face. New Internationalist 1987/H.169
Minwalla, S.: Drug promotion in India. Healthy Skepticism International News 2003/21/Nr. 9
Anon.: Irreführende Werbung in der Zweiten und Dritten Welt. Arzneimittelbrief 2002/36/S.88a
World Anti-Doping Agency: The 2007 Prohibited List, International Standard. Vom 16.9.2006
Deventer K: Simultaneaous determination of beta-blocking agents and diuretics in doping analysis by liquid chromatography/mass spectrometry with scan-to-scan polarity switching. Rapid Communicati-ons in Mass Spectrometry 2005/19/S.90-98

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Vitamin E

Vitamin E: Viagra für Karnickel

Dabei hatte alles so vielversprechend angefangen. Wir schreiben das Jahr 1920. US-Forscher müssen einsehen, daß Ratten, wenn man ihnen verdorbenes Fett zumutet, keinen Nachwuchs mehr in die Welt setzen. Füttert man dazu Weizen- keimöl, klappt‘s wieder mit der Fortpflanzung. Der wirksame Stoff wird alsbald aus dem Keimöl isoliert und erhält den Namen Tocopherol. Von der Bedeutung ihrer Beobachtung überzeugt, beschließen die Forscher 1925, es fürderhin als Vitamin E bezeichnen. In der Folgezeit werden die Versuche auch von anderen Forschern mit zahlreichen Versuchstier- arten wiederholt: Jedesmal werden die armen Viecher vom ranzigen Fett krank – und jedesmal hilft Tocopherol.

Weil das Tocopherol, alias Vitamin E, bei vergifteten Karnickeln unter anderem die Fortpflanzung fördert, schien es geeignet, Unterleibsphantasien eines breiteren Publikums zu bedienen. Seither lockt der eher langweilige Stoff mit all den Versprechungen, die sich Pubertierende jedweden Alters von einem Jungbrunnen wünschen. Doch es kam anders als gedacht: Was das Treiben von Karnickeln im Käfig und von Forschern im Labor beflügelt, muß noch lange nicht beim Kunden in der Küche wirken. Und beim Versuch, die Ergebnisse der Tierstudien am Menschen zu wiederholen, scheiter- ten die Forscher ein ums andere Mal. Wer ißt auch schon freiwillig Verdo-benes? So ging das Jahrzehnte. Ein Stoff, der als „lebenswichtig“ eingestuft worden war, weigerte sich standhaft seine „lebenswichtige“ Funktion zu offenbaren.

Sogar die (ehemaligen) Nährwertempfehlungen der USA bestätigen das: „Erst 40 Jahre nach seiner Entdeckung im Jahr 1922 haben wir überzeugende Belege dafür, daß auch Menschen V-tamin E brauchen.“ Und wer braucht es? „Seit kurzem ist bekannt, daß ein Mangel nur in zwei Gruppen vorkommt: (1) Frühgeborene mit sehr niedrigem Geburts- gewicht: Bei ihnen gehen niedrige Plasma-Vitamin-E-Spiegel mit einigen, aber nicht mit allen ihren medizinischen Problemen einher. (2) Patienten, die aus unterschiedlichen Gründen Fett nicht richtig absorbieren können ... Bei Erwachsenen muß die Absorptionsstörung seit fünf bis zehn Jahren vorliegen, ehe leichte Mangelsymptome auftreten.“

Man kann es auch anders sagen: Wir, die Vitaminexperten, glauben selbst nicht mehr an die Mär vom Vitamin, aber wenn wir die Story mit ein bißchen biochemischem Hokuspokus verbrämen, merkt das niemand. Diesen leichtfertigen Umgang mit dem Begriff „Vitamin“ haben vor allem Frühchen mit dem Leben bezahlt, die zur Vermeidung des vermeintlichen Mangels reichlich mit Vitamin E versorgt wurden. Zwar senkte das Medikament wie erwartet die Häufigkeit von Augenschäden und Blutungen, aber es erhöhte gleichzeitig das Risiko einer tödlichen Sepsis, so daß der Nettonutzen gleich Null war.

Um das Vitaminrätsel aufzulösen: Wer Lebewesen verdorbenes Futter verabreicht, vergiftet sie. Speziell Ratten lassen sich mit überhitzten oder verdorbenen Fetten innerhalb weniger Wochen töten. Die spezifischen Effekte hängen davon ab, welches Fett auf welche Weise verdorben ist – weil jeweils andere toxische Stoffe entstehen, was immer neue „Mangel“-Krankheitsbilder ermöglicht. Es ist allgemein bekannt, daß die giftige Wirkung ranziger Fette durch die Gabe zahlreicher Antioxidanzien aufgehoben werden kann. Tocopherol ist folglich kein Vitamin, sondern lediglich ein ordinäres Antioxidans für Speiseöle, wie viele andere Antioxidanzien auch. So schützen beispielsweise BHA (E 320) und BHT (E 321), die vielen Knabberartikeln zugesetzt werden, gleichermaßen vor den Folgen des Konsums ranziger Fette, ohne daß irgend jemand auf die abstruse Idee verfallen würde, sie zum Vitamin zu ernennen.

Was haben wir von einem Stoff zu erwarten, dessen Wirkung den Verzehr ranziger und seifiger Fette voraussetzt? Nichts. So ist auch die Datenlage. Je schlechter das Studiendesign, desto vollmundiger die Versprechen, zum Beispiel die berüchtigte CHAOS-Studie, die als Beweis für einen Schutz vor dem Herzinfarkt vermarktet wurde, obwohl die Daten eher die gegenteilige Schlußfolgerung stützen. Je besser die Versuche geplant und dokumentiert werden, desto enttäuschender die Ergebnisse, egal ob es um Alzheimer, Krebs oder Herzinfarkt geht. Wobei „enttäuschend“ nicht immer das passende Wort ist. So fand beispielsweise die großangelegte HOPE-Studie eine erhöhte Herzinfarktrate bei Vitamin-E-Supplementen. Die jüngsten Meta-Analysen – in der alle bisherigen Studien, die gewisse Mindestanforde- rungen erfüllten, zusammengefaßt wurden – entdeckten gar übereinstimmend Gevatter Tod in den Daten: „Angesichts der erhöhten Sterblichkeit, die mit hochdosiertem Beta-Carotin und nun auch Vitamin E einhergeht, sollte man grundsätzlich von hochdosierten Vitaminsupplementen abraten.“

Die aktuellen Ergebnisse kommen alles andere als überraschend. Schon vor Jahren hatte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte die bis dahin weit verbreitete Einnahme als Rheumamittel infrage gestellt: „Zusammenfassend“, urteilte die Behörde, „sind die vorliegenden klinischen Studien zu Vitamin E bei rheumatischen Erkrankungen nicht geeignet, die klinische Wirksamkeit zu belegen und die vorgesehene hohe Dosierung sowie eine Langzeitanwendung von Vitamin E ausreichend zu begründen.“ Angesichts der möglichen Nebenwirkungen von hochdosiertem Vitamin E riet die oberste Arzneimittelbehörde Rheumatikern sogar von Vitamin-E-Pillen ab.

Das Arzneimittelkursbuch, einer der wenigen unabhängigen Informationsdienste für Ärzte und Apotheker kommt denn auch zu folgendem Resultat: „Eigentlich müssten Vitamin E (Tokopherol)-produkte unverkäuflich sein, da die Existenz relevanter Vitamin-E-Mangelkrankheiten beim Menschen nicht nachgewiesen ist. Das Geschäft läuft daher über die Propagierung als Modevitamin bei Fantasie-Indikationen wie vorzeitiges Altern, Vitalitätsverlust, Leistungssteigerung, klimakterische Beschwerden, Adjuvans bei Herz- und Kreislaufstörungen, Claudicatio intermittens u.a.“ Die Liste der Phantasieindikationen wird in den nächsten Jahren gewiß wieder um einiges länger – die Gesichter der Vitaminforscher beim Überprüfen ihrer Phantasien vermutlich auch.

In niedriger Dosis, wie sie für unsere Nahrung typisch sind, liegen bisher keinerlei Verdachtsmomente für Risiken durch Tocopherole vor. Aber je höher die Supplementendosis, desto mehr Nebenwirkungen werden berichtet: Muskel- schwäche, extreme Müdigkeit, Übelkeit, Sehstörungen, gelbliche Flecken auf dem Zahnschmelz, Leberfunktions- störungen, Angina pectoris, Abfall der Schilddrüsenhormonspiegel im Blut und erhöhte Blutungsneigung. Mit der letztgenannten Nebenwirkung tritt Vitamin E als Verstärker von gerinnungshemmenden Medikamenten auf den Plan. Wer also seine Erbtante schneller vom Diesseits ins Jenseits befördern will, könnte beim nächsten Besuch statt einer Schachtel Pralinen mal eine Packung Vitamine mitbringen.

Literatur
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Anon: Vitamine A, C, E und Betakarotin: wie nützlich sind Antioxidantien? arznei-telegramm ((sic!)) 2003/34/S.100-102, 111-113
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Edem DO: Palm oil: biochemical, physiological, nutritional, hematological, and toxicological aspects: a review: Plant Foods in Human Nutrition 2002/57/S.319-341
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vermutlich.

(Copyright Eichborn Verlag 2008)

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