Udo Pollmer, Susanne Warmuth, Gunter Frank

Lexikon der Fitneß-Irrtümer

Mißverständnisse, Fehlinterpretationen und Halbwahrheiten von Aerobic bis Zerrung

Eichborn Verlag 2003, ISBN 3-8218-3943-0

 
"Gesundheit ist die einzige satirefreie Zone in unserer Gesellschaft. Hier herrschen die strengen Regeln der Political Correctness."

Manfred Lütz, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie


"Der Einwand, der Seitensprung, das fröhliche Misstrauen, die Spottlust sind Anzeichen der Gesundheit: Alles Unbedingte gehört in die Pathologie."

Friedrich Nietzsche, Philosoph

Titelbild Fitness

 

Vorwort

Zur Motivation


Fit für was?

Für’s Überleben, sprach Darwin. Für’s Vaterland, forderte Turnvater Jahn. Für die ewige Jugend, jubelt der Zeitgeist. Für die Gesundheit, mahnt die Gesundheitsministerin. Ja, was denn nun? Ist Fitneß gut für oder gegen alles, oder darf sich jeder das ihm Genehme aussuchen?
Megatrends, wie der grassierende Fit- und Wellnessboom, oder im Brustton der Überzeugung geäußerte Selbstverständlichkeiten à la „Sport ist gesund“ fordern es heraus: Dem muß man einfach mit fröhlichem Mißtrauen und gesunder Skepsis auf den Grund gehen. Gesagt, getan. Wir starten also eine Entdeckungsreise in die Welt der Pulsuhren, Waschbrettbäuche und Mentalseminare, wagen den Aufstieg auf den Olymp der Sportwissenschaft, begeben uns in die Niederungen der Gesundheitspolitik. Dabei werden wir mehr als einmal auf Abenteuerliches stoßen. Entsprechend fallen die Expeditionsberichte heiter, bissig oder realsatirisch aus, sie sind häufig politisch ziemlich inkorrekt, doch leider allzuoft auch bitterernst.
Fitneß ist ein weites Feld, bei dem vor allem der Körper beackert wird. Schweißbäche fließen, die einen wollen Muskelberge auftürmen, die anderen schuften für flache Bäuche und kernige Pobacken. Als Lohn der Mühe winken Schönheit, Jugend und Erfolg – versprechen zumindest die Hochglanzgazetten. Aber auch in der Landwirtschaft erntet nicht jeder Bauer dicke Kartoffeln. Hier wie dort muß den natürlichen Gegebenheiten zur Not ein wenig nachgeholfen werden: Spritzen gegen unliebsame Zeiterscheinungen, Saugpumpen gegen überquellende Fettreservoire, Pülverchen als Wachstumshilfe oder zur dringenden Ergänzung der erschöpften Nährstoffvorräte. Wenn alles gut geht, kommt am Ende ein marktgerechter Körper der Handelklasse A heraus: eine glatte, makellose Oberfläche, die Inhaltsstoffe sind Nebensache. Der Kopf scheint – mentale Fitneß hin oder her – in vielen Fällen sowieso nur als Halterung für eine möglichst dekorative Gesichtsmaske gebraucht zu werden.
Wenn allenthalben verlautbart wird, daß es jedem und jeder möglich ist, einen „Superbody“ zu erlangen, sofern er/sie nur vier Wochen lang genau nach Plan turnt, cremt und kaut, fällt es leicht, verächtlich über die die Nase zu rümpfen, die nach wie vor mit ihrem bewährten Standardmodell herumspazieren und womöglich sogar damit zufrieden sind. Einfach uncool. Aber wehe denen, die zugeben, sie hätten die angesagten Verschönerungsmaßnahmen vergeblich probiert! Faul, lasch, willensschwach müssen sie sich nennen lassen. So jemand bringt es sicher auch in anderer Beziehung zu nichts. Zu weit hergeholt? Keineswegs: Immerhin 42 Prozent der Unter-30jährigen stimmten dem Satz zu: „Wer nicht an sich arbeitet, um eine gute Figur zu haben und leistungsfähig zu bleiben, ist selbst schuld, wenn er z. B. berufliche Nachteile hat oder nicht so leicht einen Partner findet.“ Das ermittelte das Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Körber-Stiftung im Oktober 2000. So wird der Fitneßdrang zum Fitneßzwang. (...)

Wir, die Autoren dieses Lexikons, erlauben uns deshalb, nicht nur die populärsten Behauptungen zu Fitneß, Wellness, Sport und Erfolg auf den Prüfstand zu stellen, sondern zugleich das Geschäft mit der Angst vor Krankheit und Alter zu durchleuchten. Dabei geht es uns nicht nur um Ihr sauer verdientes Geld, sondern auch darum, sich die eigene Unbefangenheit und Vitalität zu bewahren und zu stärken. So halten wir es ab jetzt in diesem Buch mit Friedrich Nietzsche: „Der Einwand, der Seitensprung, das fröhliche Misstrauen, die Spottlust sind Anzeichen der Gesundheit: Alles Unbedingte gehört in die Pathologie.“ Will sagen: No body is perfect – und muß es auch nicht sein.

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Zur Motivation reichen wir Ihnen folgende Texte:

Fußball ist ein harmloses Freizeitvergnügen für jung und alt
>  Doping gibt es nur im Hochleistungssport
>  Jeder kann fit sein, wenn er will
>  Sport schützt vor Krebs
>  Sex vor dem Wettkampf verhindert die sportliche Höchstleistung

 


Fußball

Fußball ist ein harmloses Freizeitvergnügen für jung und alt

Gibt es etwas Aufregenders als 40 stramme Männer- oder Frauenbeine, die hinter einem runden Etwas aus Leder herrennen? Jeder Orthopäde, jeder Unfallchirurg wird diese Frage mit einem klaren Nein beantworten, sorgt der Deutschen unangefochtener Lieblingssport doch dafür, daß den Knochenflickern die Arbeit nicht ausgeht. Ob bei Profi-, Amateur- oder Stammtisch-Mannschaften: In der Hitliste der Sportunfälle rangiert Fußball ganz oben: 26 Prozent (im Vereinssport 45 Prozent) aller Sportverletzungen holt man sich beim Kicken. Am häufigsten werden Knie- und Sprunggelenke malträtiert. Aber neben Meniskusschäden und gesplitterten Fußknöcheln finden auch gebrochene Nasenbeine, Gehirnerschütterungen, gerissene Bänder, Platzwunden und Prellungen aller Art Eingang in die Statistik. Wie formulierte es der Sprecher der Düsseldorfer ARAG Sportversicherung: „Wenn der Zweikampf ein fester Bestandteil des Spiels ist, kann ein Spieler selbst bei größtmöglicher eigener Vorsicht nicht beeinflussen, welchem Risiko er durch die Gegenspieler ausgesetzt ist.“ – „Anders gesagt: Der größte Feind der eigenen Gesundheit ist der Sportsfreund“, kommentierte Der Spiegel diese Aussage.
Doch notfalls kann man auch ohne den Gegner zu Schaden kommen, zum Beispiel durch unbedachte Begegnungen mit Torpfosten. Als besonders gefährlich erwiesen sich die tragbaren, kleineren Torpfosten, die für die Spiele von Jugendlichen eingesetzt werden. Seit 1983 wurden in Großbritannien 300 Kinder von umstürzenden Torpfosten verletzt, neun sogar getötet. Immerhin wiegen die Pfosten an die 60 Kilogramm. In den Vereinigten Staaten kamen in 20 Jahren insgesamt 24 Kinder bei ähnlichen Unfällen zu Tode. Sport-Ingenieure der Universität Sheffield fordern nun bessere Sicherheitsvorschriften für tragbare Torpfosten. Sie täten gut daran, sich dabei gleichzeitig auch den Gefahren zu widmen, die von den weißen Linien auf dem Rasen ausgehen. Im Ernst: Das englische Wissenschaftsmagazin New Scientist berichtete von schweren Verätzungen, die sich ein Torwart zuzog, als er einen Ball auf der Linie rettete. Bedauerlicherweise hatte der Platzwart Löschkalk (Kalziumhydroxid) zum Abstreuen der Linien verwendet, wie es noch bei vielen britischen Amateurclubs üblich ist. Kontakt mit Löschkalk führt bekanntermaßen zu Hautreizungen.
Egal wie hart die Torpfosten und wie ätzend die Linien sein mögen, selbst in der Luft lauert Gefahr: Besonders betroffen sind kopfballstarke Spieler. Eine Forschergruppe aus Helsinki durchleuchtete die Gehirne von Amateurfußballern mittels Magnetresonanzspektrographie. Was sie da sahen, kannten sie bislang nur von Boxern: viele kleine, bislang unbemerkte Risse, die sie auf Kopfbälle und ungeschützte Zusammenstöße zurückführten. Denn bei American-Football-Spielern, die ja auch nicht gerade zimperlich miteinander umgehen und deshalb einen Helm tragen, fanden die Finnen nichts dergleichen. Sie prognostizierten kopfballfreudigen Spielern Gedächtnisstörungen. Zu Recht, wie nun wieder britische Wissenschaftler ermittelten. Ein Psychologen-Team hatte bei 25 Freizeitfußballern Erinnerungsvermögen, Aufmerksamkeit und Denkgeschwindigkeit getestet. Verglichen mit anderen Sportlern schnitten die Fußballer deutlich schlechter ab, und am schlechtesten kamen die Kopfballspezialisten weg. Probleme verursachen nach den Ergebnissen japanischer Forscher vor allem schwere regennasse Bälle.
Amerikanische und holländische Neuropsychologen bestätigen die Daten ihrer britischen und finnischen Kollegen: „Unsere Ergebnisse“, so die Holländer, „legen nahe, daß die Teilnahme am Freizeitfußball ... mit einer verminderten Leistungsfähigkeit des Gedächtnisses und der Fähigkeit zu planvollem Vorgehen verbunden ist. Angesichts der weltweiten Popularität von Fußball dürften diese Beobachtungen eine große Bedeutung für die Volksgesundheit besitzen.“ Wohl wahr. Die Amerikaner stellten bei 85 Prozent ihrer kopfballstarken jungen Männer eine dauerhafte Verminderung der geistigen Fähigkeiten fest. Dabei fiel vor allem eine Beeinträchtigung der verbalen Fähigkeiten ins Gewicht, ein Tatbestand, der immer wieder von Fußballfreunden bei Sportschau-Interviews beklagt wird. Von wegen „mens sana in corpore sano“.
Kicker, die ihr Hirn auch außerhalb des Sportplatzes nutzen wollen, sollten vielleicht nur mit einem kopfballgeeigneten Helm (Spitzname: „Narrenkappe“) auflaufen. Und Jungs am besten zusätzlich mit Suspensorium. Das könnte ihre Zeugungsfähigkeit sichern. Schreckliches entdeckten nämlich italienische Kinderärzte von der Universität Pavia und Ärzte des Fußballclubs AC Mailand, als sie bei fast 200 Jugendlichen im Alter zwischen zehn und 14 Jahren die Geschlechtsorgane in Augenschein nahmen. Bei einem Drittel der Kinder, die pro Woche zehn Stunden oder mehr auf dem Fußballplatz verbrachten, fand man Krampfadern und Krampfaderbrüche in den Hoden, Hinweise auf eine verminderte Fruchtbarkeit. Nichts dergleichen, keinen einzigen Fall, bei den zum Vergleich herangezogenen „Weicheiern“. Die unsportlichen Knaben hatten zu allen Überfluß dann auch noch die signifikant größeren, na, Sie wissen schon. „Mechanische Beanspruchung“ beim Training könnte der Grund für dieses erschütternde Ergebnis gewesen sein, meint Andrea Scaramuzza, einer der Autoren der Studie.
Wir dürfen gespannt sein, ob die squadra azzurra in Zukunft mit Stoßdämpfern in die Arenen der Welt einläuft.

Quellen:
ARAG Allgemeine Versicherungs-AG (Hrsg.): Sportunfälle – Häufigkeit, Kosten, Prävention. Düsseldorf 2002. Bundesärztekammer (Hrsg.): Verletzungen und deren Folgen – Prävention als ärztliche Auf-gabe. Köln 2001. H. Halter: Kehrseite des Vergnügens. Der Spiegel 2001/H. 36/S. 69. P. Marks: Pitch battle. New Scientist 2.12.2000, S. 14. I. Sample: Own goal. New Scientist 30.3.2002, S. 14. Kopfbälle sind schlecht fürs Hirn. Spiegel Online 2.4.2001. In: http://www.spiegel.de/ wissenschaft/mensch/0,1518,126030,00.html . Weiches Hirn und kleine Hoden. Spiegel Online 2.4.2001. In: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/ 0,1518,126039,00.html. A. Scaramuzza et al.: Varicoceles in young soccer players. Lancet 1996/348/S. 1180f. E. J. Matser et al.: Neuropsychological impairment in amateur soccer players. Journal of the American Medical Association 1999/282/S. 971ff. D. H. Janda et al.: An evaluation of the cumulative concussive effect of soccer heading in the youth population. Injury Control & Safety Promotion 2002/9/S. 25ff. D. S. Downs, D. Abwender: Neuropsychological impairment in soccer athletes. Journal of Sports Medicine & Physical Fitness 2002/42/S. 103ff. O. Motohashi et al.: A case of vertebral artery occlusion following heading play in soccer. No Shinkei Geka 2003/31/S. 431ff.

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Doping

Doping gibt es nur im Hochleistungssport

Im Jahr 2002 startete das rheinland-pfälzische Ministerium für Bildung, Frauen und Jugend zusammen mit den entsprechenden hessischen Ministerien und den Landessportbünden der beiden Länder die Aktion „Mein Sport – dopingfrei“, die sich speziell an junge Sportler wendet. Das sollte zu denken geben. Wenn sich die Politik des Themas annimmt, ist das Kind entweder schon in den Brunnen gefallen oder es steht kurz davor. „Leider sind nicht nur im Hochleistungssport der Erwachsenen, sondern – wie im Freizeitsport – auch bei Jugendlichen, die Lei-stungssport betreiben, Dopingpraktiken nicht mehr unbekannt“, ummäntelt die rheinland-pfälzische Bildungs- und Jugendministerin Doris Ahnen die offenbar alarmierende Situation.
Deutlicher wird Robert Dawson, der leitende Arzt einer britischen Einrichtung, die – ausgehend von der „üblichen“ Drogenberatung – seit 1994 auch dopenden Sportlern als Anlaufstelle dient. Er hat die Erfahrung gemacht, daß Anabolika in Großbritannien nach Haschisch und Amphetaminen die Drogen sind, die Kindern und Jugendlichen am häufigsten angeboten werden. In Kanada ermittelte das dortige Zentrum für drogenfreien Sport, daß im Laufe eines Jahres 83 000 Elf- bis 18jährige Anabolika nicht nur angeboten bekamen, sondern tatsächlich einnahmen. Amerikanischen Studien zufolge konsumieren bis zu elf Prozent der männlichen Schüler der Jahrgangsstufen 11 und 12 Steroide.
Warum sie das tun? Zum Teil, weil viele amerikanische Universitäten bevorzugt erfolgreiche Sportler aufnehmen, zum Teil aber auch, weil der Muskelwahn immer weiter um sich greift. Dieses Phänomen ist allerdings keineswegs auf die Vereinigten Staaten beschränkt, und es wird von den Medien ebenso geschürt wie von der Unterhaltungs- und der Spielzeugindustrie. „In den Männermagazinen geht es ständig um Waschbrettbäuche“, sagt Robert Dawson. „Sogar der Brustumfang von Spielzeugfiguren für Jungen hat dramatisch zugenommen ... Das alles bewirkt eine Krise des Körperbilds junger Männer, die dann meinen, Anabolika seien der Weg zur Verwirklichung ihrer Träume.“
Es könnten aber noch andere Aspekte eine Rolle spielen, vermuten Dr. Karl Feiden, seines Zeichens Fachapotheker für Öffentliches Gesundheitswesen, und Dr. Helga Blasius, Lebensmittelchemikerin und Fachapothekerin für Arzneimittelinformation: „Gerade bei jüngeren Leuten geht es aber auch darum, sich in ähnlicher Weise wie die ‚Topstars‘ miteinander zu messen, wobei ein Ehrgeiz entwickelt werden kann, der dem eines Spitzensportlers durchaus gleichzusetzen ist. So kommt es in Fitnessclubs, bei Hobby-Radrennfahrern und selbst auf Schulhöfen in nicht zu unterschätzendem Umfang zum Handel und zur missbräuchlichen Anwendung verbotener Substanzen zur Leistungssteigerung.“
Die Ergebnisse einer Untersuchung zum Medikamentenmißbrauch im Freizeitsport, und hier speziell im Fitneßbereich, stützen diese Interpretationen. Durchgeführt wurde die Studie im Auftrag der Sportministerkonferenz der Länder von einer Arbeitsgruppe der Medizinischen Universität zu Lübeck. Die Forscher verteilten in 58 Fitneßstudios quer durch die Republik Fragebögen, in denen sie die Besucher unter anderem nach Trainingsmotivation, Trainingsdauer und nach dem Konsum von Anabolika und Drogen befragten. Zur Auswertung kamen 454 Fragebögen. 22 Prozent der Männer und acht Prozent der Frauen gaben an, schon einmal leistungssteigernde Medikamente genommen zu haben. Bei den 21-25jährigen lag der Anteil der Anabolikaverwender noch höher, nämlich bei 35 Prozent. Als wichtigstes Trainingsziel wurde von den meisten der Aufbau von Muskelmasse und erst in zweiter Linie der Kraftzuwachs genannt.
Aus den Daten geht hervor, daß die Sportler, die Medikamente zur Leistungssteigerung nehmen, nach etwa zwei bis drei Jahren regelmäßigen Trainings damit anfangen. Die Wissenschaftler vermuten, daß zu diesem Zeitpunkt das genetisch vorgegebene Potential für das Muskelwachstum erschöpft ist: „Fortschritte bezüglich des Aufbaus von Muskelmasse sind nur noch schwer zu erreichen und meist so klein, daß sie kaum bemerkt werden“, erklären sie im Deutschen Ärzteblatt. Frustriert von den ausbleibenden Erfolgen griffen dann offenbar einige Sportsfreunde zu Anabolika, um wieder eine „objektivierbare Leistungssteigerung“ zu erzielen. Von denen, die entsprechende Medikamente einnahmen, gaben über 70 Prozent an, das auch weiterhin tun zu wollen. Für die Forscher ein Zeichen für eine mögliche Abhängigkeit von den Steroiden. Gleichzeitig wußte aber nur ein Viertel der Doper über die möglichen Nebenwirkungen – von Hodenschrumpfung über Herz- und Leberschäden bis zu psychischen Veränderungen – Bescheid.
Nach vorsichtigen Schätzungen des Lübecker Forscherteams ist in der Bundesrepublik mit mindestens 200 000 Anabolikakonsumenten zu rechnen, die im doppelten Wortsinn „unkontrolliert“ und zum Teil über lange Zeit leistungssteigernde Medikamente einnehmen. Die Wissenschaftler fordern daher „eine breite Diskussion der Dopingproblematik im Freizeitsport und der damit assoziierten Gefahren“, die von Medien, Breitensportverbänden, Sportmedizinern und Drogenbeauftragten offensiv geführt werden soll. „Die medienwirksame Diskussion von Dopingfällen im Hochleistungssport ist in diesem Zusammenhang von nachrangiger Bedeutung“, lautet ihr knapper Schluß.

Quellen:
D. Ahnen: Junge Sportlerinnen und Sportler gegen Doping stark machen. Pressemitteilung vom 4.2.2002. In: http://www.mbfj.rlp.de/aktuell/archiv.php3? quartal=1&jahr=2002#anch18. R. T. Dawson: Drugs in sport – the role of the physician. Journal of Endocrinology 2001/170/S. 55ff. R. T. Dawson: The war on drugs in sport. BioMed Central News and Views 2000/1/S. 3ff. Anon.: Jungen bekommen Muskelsucht. nano online/dpa 8.9.2000. In: http://www.3sat.de/3sat.php? http://www.3sat.de/nano/news/09954/index.html . K. Feiden, H. Blasius: Doping im Sport: Wer – Womit – Warum. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2002. C. Boos et al.: Medikamentenmißbrauch beim Freizeitsportler im Fitneßbereich. Deutsches Ärzteblatt 1998/95/S. A-953ff. C. Boos, P. Wulff: Medikamentenmissbrauch beim Freizeitsportler im Fitnessbereich. In: http://www.sportpolitik.spd.de/dateien/200101boos.pdf. Anon.: In Fitnessstudios oft Anabolika. nano online/dpa 21.9.2000. In: http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/nano/news/10360/index.html . K. Wahl: „Am Ende stehen impotente Psychopathen“. In: http://www.medikamenteninformation.de/gesundheit/doping.htm

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Fitneß

Jeder kann fit sein, wenn er will

Fitneß ist ein ziemlich schwammiger Begriff. Ursprünglich meinte das (englische) Wort die Lebenstauglichkeit, die alle Fähigkeiten eines Lebewesens umfaßt. Im Deutschen wurde er schnell auf körperliche Merkmale reduziert. Inzwischen gilt er manchen Wissenschaftlern sogar als Maß für körperliche Gesundheit: Schließlich soll das Infarktrisiko umso niedriger sein, je länger einer auf dem Laufband rennen kann. Schlußfolgerung: Man muß die Leute zum Sporttreiben anhalten, damit möglichst viele möglichst schnell möglichst fit werden und den Krankenkassen nicht zur Last fallen. Aufstrebende Jungdynamiker wiederum betrachten Fitneß als Symbol des Erfolgs: Anerkennung findet in diesen Kreisen nur, wer außer einer 60-Stunden-Arbeitswoche noch mindestens drei Abende im Fitneßstudio und einen Marathonlauf im Monat vorweisen kann. Dahinter steckt die beliebte Business-Philosophie: „Wer will, der kann, und wenn du dazu gehören willst, mußt du“. Von diesem fragwürdigen Leistungsterror lassen sich sogar Menschen in den Sportdress zwingen, die sich eigentlich etwas Schöneres für ihre Freizeit vorstellen können.
Beiden Vorstellungen von Fitneß liegt der gleiche Denkfehler zugrunde: Sie tun so, als sei Fitneß eine feste Größe, die mit angemessenem Aufwand von jedem erreicht werden kann. Doch es gibt keine Definition, die festlegt, ab wie viel Kilometer Waldlauf oder ab wie viel Kilogramm gestemmtem Gewicht jemand als fit anzusehen ist. Ganz zu schweigen davon, ob diese imaginäre Grenze zwischen fit und unfit bei jedem Menschen durch die gleiche Maßzahl gekennzeichnet ist.
Ein kanadisches Forscherteam hat in vielen Studien – häufig auch mit ein- und zweieiigen Zwillingen – Faktoren untersucht, die für Gesundheit und Fitneß als wichtig erachtet werden, zum Beispiel Herzgröße, Lungenfunktion, maximale Sauerstoffaufnahme (VO2max), maximale aerobe Kapazität, Blutfette, Fettverteilung im Körper oder das Verhältnis von Fett- zu Kohlenhydratverbrennung in verschiedenen Situationen. Den Wissenschaftlern ging es dabei darum herauszufinden, welche Faktoren erblich sind und welche von der Umwelt oder dem persönlichen Lebensstil beeinflußt werden.
Besonders aufschlußreich sind jene Studien, die sich mit der Wirkung von intensivem Training auf die Fitneß von Personen befassen, die man neudeutsch als „Couchpotatoes“ bezeichnen würde. Also genau die Zielgruppe, die auch die Verfechter von „mehr Fitneß ist mehr Gesundheit“ im Auge haben. Die Forscher wählten aus über hundert Kandidaten 24 Twens aus, die sich als ausgesprochene Bewegungsmuffel geoutet und in ihrem ganzen Leben noch nie viel Sport getrieben hatten. Wenn überhaupt, dann sollte ihnen ein anspruchsvolles Übungsprogramm eine deutliche Fitneß-Steigerung bringen.
Die Teilnehmer strampelten anfangs viermal, später fünfmal pro Woche eine geschlagene Dreiviertelstunde auf dem Fahrradergometer. Dabei begannen sie jeweils mit 60 Prozent der maximalen Herzfrequenz und steigerten sich bis auf 85 Prozent. Nach fünf Monaten bestimmte man bei allen die Fitneß und verglich sie mit den Werten, die vor Trainingsbeginn ermittelt worden waren. Als Fitneßmaß benutzen die Wissenschaftler VO2max und die maximale aerobe Kapazität, das heißt die Menge Arbeit, die in 90 (!) anstrengenden Minuten auf dem Fahrradergometer geleistet wurde. Ergebnis: Im Schnitt hatten die Probanden ihre VO2max um 30 und ihre maximale aerobe Kapazität um 50 Prozent gesteigert. Das ist ziemlich beachtlich. Doch das Interessante war nicht der Durchschnitt, sondern die Spanne, also die individuellen Unterschiede. Während manche Teilnehmer ihre Werte trotz des fünfmonatigen wahrhaft intensiven Trainings kaum verbessert hatten, war es anderen gelungen, ihre Leistung annähernd zu verdoppeln.
Demnach spielt die individuelle Veranlagung die entscheidende Rolle und nicht so sehr das persönliche „Wollen“, wenn es um die Frage der Trainierbarkeit geht. Das bestätigen auch andere Studien, die die gleiche Arbeitsgruppe mit Zwillingen durchführte: Eineiige Zwillinge, die bekanntlich genetisch identisch sind, erreichen jeweils ähnliche Steigerungsraten. Wenn man jedoch Zwillingspaare mit anderen Zwillingspaaren vergleicht, beobachtet man dieselben Spannen wie beim Vergleich von Einzelpersonen.
Diese Erkenntnisse sollten Gesundheitspolitikern, Sportlehrern und Trainern gleichermaßen zu denken geben. Claude Bouchard, der wissenschaftliche Leiter der erwähnten Studien, mahnt denn auch: „Es ist nicht nur wichtig anzuerkennen, daß die Reaktionen auf regelmäßige körperliche Aktivität individuell sehr unterschiedlich ausfallen, die Forschungsergebnisse legen auch nahe, daß es in der Bevölkerung Menschen gibt, die darauf überhaupt nicht ansprechen (Non-Responder). Die genetische Veranlagung kann für Fitneß-Unterschiede bis zum Drei- oder gar Zehnfachen sorgen, wenn man Low- und High-Responder vergleicht, die das gleiche Trainings-programm absolviert haben.“
Man muß kein Hellseher sein, um zu ahnen, daß sich die Menschen, bei denen auch intensives Training kein Mehr an Fitneß bringt, in anderen Studien logischerweise in der Gruppe der „Unsportlichen“ sammeln. Also genau bei denjenigen, die es nach landläufiger Auffassung am nötigsten hätten, ihren Hintern zu bewegen. Zwar gibt es – wie die Studien zeigen – auch unter den Unsportlichen einige, die trainierbar wären, genauso wie auch der eine oder andere „unmusikalische“ Zeitgenosse gut und gerne Klavierspielen lernen könnte. Aber: Wer trotz Fitneßtraining unsportlich bleibt, der ist nicht am fehlenden Willen gescheitert, sondern daran, daß ihm die Natur dieses Talent nicht mit auf den Weg gab. So macht auch Klavier- oder Lateinunterricht nicht aus jedem einen guten Musiker oder glühenden Humanisten. Nur wer die Voraussetzungen mitbringt und zugleich das Interesse, ja die kindliche Freude daran, wird das große Ziel erreichen. Und zur Freude an etwas – egal ob Aerobics, Klaviersonaten oder Ovid-Gedichte lassen sich Menschen nun mal nicht zwingen.

Quellen:
G. Lortie et al.: Responses of Maximal Aerobic Power and Capacity to Aerobic Training. In-ternational Journal of Sports Medicine 1984/5/S. 232ff. C. Bouchard et al.: Genetics of Aerobic and Anaerobic Performances. Exercise and Sport Sciences Reviews 1992/20/S. 27ff. C. Bouchard: Heredity and Health-Related Fitneß. Physical Activity and Fitneß Research Di-gest 1993, No. 4. In: http://www.fitness.gov/activity/activity7/heredity/heredity.html

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Krebs

Sport schützt vor Krebs

Es scheint so, als hätte jede Zeit ihre Wunderwaffe gegen die gerade am meisten gefürchteten Krankheiten. Amulette, Reliquien, Aderlaß, Mesmerismus und kalte Güsse sind mittlerweile out, heutzutage stehen „bewußte Ernährung“ und „Fitneß“ auf der Agenda der professionellen Besorgniserreger. Was so ziemlich gegen alles hilft, wovor der Zeitungsleser Angst hat, muß schon allein aus Gründen des Marketings natürlich auch Krebs abwenden.
„Obwohl die exakten biologischen Mechanismen noch nicht vollständig geklärt sind, steht für die Wissenschaftler fest, daß körperliche Aktivität das Krebsrisiko senken kann“, lesen wir in der Zeitschrift Einblick, die das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg herausgibt. Ein solches Glaubensbekenntnis ist gewiß nicht die Art Information, die man von einer führenden Forschungseinrichtung erwartet. Denn die wissenschaftliche Datenlage ist – wieder einmal – diffus. In einem Übersichtsartikel der Deutschen Zeitschrift für Sportmedizin formuliert der Autor Fernando Dimeo vom Institut für Sportmedizin an der Freien Universität Berlin denn auch sehr viel vorsichtiger, daß „die Befunde über den Einfluß der körperlichen Aktivität auf das Krebsrisiko teilweise widersprüchlich sind“.
Da hat er wohl recht. In einem Sonderheft der Zeitschrift Medicine & Science in Sports & Exercise wurde von den international führenden Vertretern der Sportmedizin ebenfalls versucht, die Beweislage zu ermitteln. Ein norwegisches Forscherteam analysierte die verfügbaren Studien – über 100 – zum Thema Krebs und Bewegung. Nach den Beurteilungskriterien der evidenzbasierten Medizin konnten sie aber nur den zweitniedrigsten Evidenzgrad C („gehobene Spekulation“) vergeben, da es sich samt und sonders um reine Beobachtungsstudien ohne Zufallsverteilung und ohne Verblindung gehandelt hatte. Als Beweismittel taugen sie damit nicht mehr. Trotzdem spekulieren die Autoren über eine Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen Bewegungsumfang und dem Auftreten von Brust- und Dickdarmkrebs. Solche Einschätzungen schlagen sich in der deutschen Fachliteratur dann gleich in der klammheimlichen Erhöhung des Evidenzgrades nieder.
Wenn Sport vor Brust- und Darmkrebs und darüber hinaus vor den sehr viel häufigeren Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen würde, müßten sportliche Menschen mit einer längeren Lebenserwartung belohnt werden. Das ist jedoch nicht der Fall. Das heißt, falls jemand tatsächlich mit Bewegung Brust- oder Darmkrebs vermieden hätte, würde er dadurch keine Lebenszeit gewinnen, sondern nur die Todesursache in eine andere Kategorie verschieben.
In der Tat wird immer wieder einmal eine Senkung des Risiko für Dickdarmkrebs beobachtet. So zum Beispiel in einer amerikanischen Studie aus Hawaii. Da hatte man bei 8000 Männern 20 Jahre lang alle neu auftretenden Enddarm-, Dickdarm-, Magen-, Lungen-, Prostata- und Blasentumoren registriert. Bei der Erstuntersuchung waren die Männer zu ihrem Bewegungsverhalten befragt und anschließend in drei Gruppen eingeteilt worden. Als die Forscher ihre Daten auswerteten, fanden sie nur beim Dickdarmkrebs die erwarteten Unterschiede: Die beiden weniger aktiven Gruppen hatten ein erhöhtes Risiko. Bei den anderen Krebsarten schwankten die Risiken in unerklärlicher Weise. Das Rätsel löst sich auf, wenn man die Zahl der Krebsfälle in den drei annähernd gleich großen Bewegungskategorien zusammenzählt: 307 bei den Inaktiven, 301 bei den Beweglicheren und 316 bei den Sportlichen. Will heißen, von den 8000 Männern bekam etwa jeder Neunte irgendeinen der oben aufgeführten Krebse, egal ob er sich viel oder wenig bewegte. Die Krebsarten waren schlicht zufällig auf die Aktivitätsgruppen verteilt. Nur ist das den Wissenschaftlern leider nicht aufgefallen. Oder wie soll man sich erklären, daß als Hauptergebnis der Schutz vor Dickdarmkrebs präsentiert wird?
Während also beim Darmkrebs der Zusammenhang mit der Bewegung zwar allerorten behauptet, aber nie bewiesen wurde, sieht die Lage beim Brustkrebs, bei der zweiten Krebsart, die nach Auffassung der Sportmediziner durch Sport verhindert werden kann, besser aus. Denn für die Beobachtung, daß die Brustkrebsrate - zumindest in manchen Studien - mit dem Umfang der Bewegung abnimmt, gibt es sogar eine plausible Erklärung. Brustkrebs ist ein hormonabhängiger Krebs, dessen Entstehung von Östrogenen gefördert wird. Das Erkrankungsrisiko steigt, je mehr eine Frau im Laufe ihres Lebens diesem Hormon ausgesetzt war. Beispielsweise zählen das frühe Einsetzen der ersten Regelblutung (Menarche) oder der späte Eintritt in die Wechseljahre (Menopause) zu den Risikofaktoren; denn je mehr Zyklen eine Frau hatte, desto höher ihr Risiko. Von jugendlichen Sportlerinnen aber ist bekannt, daß bei ihnen die Menarche häufig später einsetzt als bei Gleichaltrigen. Und manche Sportarten erfreuen sich des zweifelhaften Rufs, bei Athletinnen für massive Menstruationsstörungen zu sorgen. Als man beispielsweise 28 untrainierten Studentinnen ein intensives Lauftraining angedeihen ließ, hatten anschließend nur noch vier einen normalen Zyklus.
Die Unterdrückung der Östrogenproduktion durch Sport kann also das verminderte Brustkrebsrisiko in einigen Studien erklären. Allerdings tritt dieser extreme Effekt nur bei sehr schlanken Frauen auf, und er weist außerdem ziemlich unangenehme Begleiterscheinungen auf: Die Knochendichte vermindert sich, es kommt zu Osteoporose und zu Ermüdungsbrüchen. Viele Frauen entwickeln eine Magersucht. Das Phänomen trägt in Sportlerkreisen die verharmlosende Bezeichnung „athletische Triade". Je stärker der Sport die Hormonproduktion unterdrückt, desto geringer das Brustkrebsrisiko und desto verheerender die übrigen gesundheitlichen Folgen.
In einer norwegischen Untersuchung ist dieser Zusammenhang sehr gut zu erkennen. Für die Frauen mit mittlerem Bewegungsumfang fanden die Autoren fast dasselbe Brustkrebsrisiko wie für die mit sitzender Lebensweise. (Das entsprach sicher nicht den Erwartungen.) Frauen, die angegeben hatten, regelmäßig Sport zu treiben, wiesen ein erniedrigtes Risiko auf. (Das war dann schon eher zu gebrauchen.) Wirklich interessant wurde es aber erst, als sich die Wissenschaftler zusätzlich die „Gewichtsklassen“ ihrer Probandinnen ansahen. Von den regelmäßig trainierenden Frauen hatten danach nur noch die Leichtgewichte (BMI unter 22,8) ein deutlich gemindertes Brustkrebsrisiko. Die Sportsfrauen mit Normal- oder Übergewicht (BMI über 25,7) jedoch wiesen fast dasselbe Risiko auf wie die Stubenhockerinnen. Sie waren nicht untergewichtig und hatten damit keinen Hormonmangel.
Im Grunde bedeutet dies, daß die Schlanken und Grazilen für die Senkung des Brustkrebsrisikos einen hohen Preis bezahlen müssen, nämlich Östrogenmangel, Eßstörungen und Osteoporose. Bei den Dickeren und Älteren wirkt sich der Sport dann kaum noch aus. Alles in allem kein Anlaß für übertriebene Hoffnungen auf Krebsschutz durch Sport. Das folgende Beispiel kann diese Einschätzung nur weiter untermauern.
Eine finnische Forschergruppe hatte nämlich eine besonders originelle Idee, um die Krebsraten von Aktiven mit denen von weniger Aktiven zu vergleichen: Sie ließ für die Statistik 1500 Sport- gegen weit über 8000 Sprachlehrerinnen „antreten“! Per Fragebogen wurde erst einmal festgestellt, was man eh erwartet hatte: Die Sportlehrerinnen waren schon in ihrer Jugend wesentlich bewegungsfreudiger als die späteren Sprachlehrerinnen, und dieser Unterschied hielt sich bis ins Alter. Gute Voraussetzungen für einen Vergleich, zumal die sonstige Lebenssituation der Frauen ja recht ähnlich war. Über einen Zeitraum von 25 Jahren hinweg wurden die Lehrerinnen immer wieder einmal nach neu aufgetretenen Krebserkrankungen befragt. Und was kam am Ende heraus? Die Sportlehrerinnen hatten mehr Haut- und Lungenkrebs, die Sprachlehrerinnen mehr Nieren-, Magen-, Enddarm- und Bauchspeicheldrüsenkrebs. Über alle Krebsarten – Brustkrebs inclusive - betrachtet, war der Unterschied zwischen den körperlich aktiven Sportlehrerinnen und den eher schöngeistigen Dingen zugewandten Sprachlehrerinnen erstens minimal und zweitens statistisch nicht signifikant verschieden vom allgemeinen Bevölkerungs-durchschnitt.

Quellen:
U. Grüninger: Krebs und Sport. Einblick 2002/H. 3/S. 22f. F. C. Dimeo: Körperliche Aktivität und Krebs: Eine Übersicht. Deutsche Zeitschrift für Sport-medizin 2001/52/S. 238ff. I. Thune, A.-S. Furberg: Physical activity and cancer risk: dose-response and cancer, all si-tes and site-specific. Medicine & Science in Sports & Exercise 2001/33/H. 6 Suppl./S. S530 . G. Samitz, G. Mensink (Hrsg.): Körperliche Aktivität in Prävention und Therapie: evidenzba-sierter Leitfaden für Klinik und Praxis. Hans Marseille Verlag, München 2002. R. K. Severson et al.: A prospective analysis of physical activity and cancer. American Jour-nal of Epidemiology 1989/130/S. 522ff. E. Pukkala et al.: Life-long physical activity and cancer risk among Finnish female teachers. European Journal of Cancer Prevention 1993/2/S. 369ff. B. A. Bullen et al.: Induction of menstrual disorders by strenuous exercise in untrained wo-men. New England Journal of Medicine 1985/312/S. 1349ff.
I. Thune et al.: Physical activity and the risk of breast cancer. New England Journal of Me-dicine 1997/336/S. 1269ff.

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Sex

Sex vor dem Wettkampf verhindert die sportliche Höchstleistung

Viele Athleten und Trainer, ja sogar sportliche Halbgötter wie Muhammed Ali, der schönste Boxer aller Zeiten, schwören auf sexuelle Enthaltsamkeit vor dem Wettkampf. Das soll die Kräfte zu schonen und einen unnötigen Verlust an Körpersäften verhindern, weil das doch der Leistung abträglich sei. „Sex macht glücklich, und wer glücklich ist, rennt die Meile nicht in 3 Minuten 47“, weiß Martin Liquori, einer der weltbesten 5 000-Meter-Läufer. Der brasilianische Trainer Luiz Felipe Scolari verhängte deshalb während der Fußball-WM in Südkorea und Japan ein totales Sexverbot für seine Mannschaft. Der Erfolg scheint ihm recht zu geben. Bei den deutschen Kickern dagegen verlottern seit Bundesberti die Sitten. Der vertrat die Auffassung: „Sex vor einem Spiel? Das können die Jungs halten wie sie wollen. Nur in der Halbzeit, da geht nichts.“ Ob das Team deswegen oder trotzdem 1996 Europameister wurde, muß leider offen bleiben.
Im American Football erfreut sich die Forderung nach sexueller Askese vor dem Wettkampf ebenfalls großer Beliebtheit. So setzte beispielsweise Marv Levy, der Cheftrainer der Buffalo Bills, durch, daß vor jedem der vier Super-Bowl- Endspiele unter seiner Regie die Ehefrauen von den Spielern getrennt untergebracht wurden. In diesem Fall war die Maßnahme jedoch nicht von Erfolg gekrönt: Alle vier Spiele gingen verloren. Doch es gibt offenbar auch Sportler, die Sex als Leistungsstimulanz betrachten. Etwa die kanadische Goldmedaillengewinnerin in der Abfahrt, Karin Lee Gardner, die augenzwinkernd auf ihre „besondere Wettkampfvorbereitung“ verwies.
Bei soviel sexueller Verwirrung machten sich Forscher daran – die Wissenschaft steckt ihre neugierige Nase bekanntlich überall hinein –, die Sache aufzuklären. Besonders eifrig waren Samantha McGlone and Ian Shrier von der Universität Montreal. Bei ihren Recherchen förderten sie stolze drei Studien zutage, die sich bereits der brennenden Frage „Sex und Leistungssport“ gewidmet hatten. Eindeutiges Ergebnis: Sex am Vorabend hat keinen Einfluß auf die körperliche Leistung. In einem Versuch mußten 14 verheiratete Männer, alles ehemalige Athleten, am Morgen nach einem Koitus einen Krafttest machen. Später wiederholten sie den Test nach mindestens sechstägiger sexueller Abstinenz. Es zeigten sich keine Unterschiede. Das gleiche Ergebnis erhielten die Forscher, als sie Gleichgewichtsgefühl, Reaktionszeit, aerobe Kapazität und VO2max mit oder ohne vorherigen Sex testeten. Auch eine Schweizer Arbeitsgruppe, die 15 hochtrainierte Sportler testete, fand weder eine Beeinträchtigung der Leistungsparameter noch der Konzentrationsfähigkeit durch vorausgegangene sexuelle Aktivität.
Wurden die armen brasilianischen Fußballer also ganz umsonst kaserniert, mußten sie unnötig darben? Nach dem momentanen Kenntnisstand scheint die Behauptung, Sex sei schlecht für die sportliche Leistung, ein Mythos zu sein. Aber exakte Wissenschaft gibt sich damit nicht zufrieden.
McGlone und Shrier mutmaßen nämlich, daß wesentliche Aspekte des Problems durch die Tests gar nicht erfaßt wurden. Was wäre, wenn die Studienergebnisse nur für die Parameter wie Kraft oder Sauerstoffaufnahme gelten, aber nicht für die emotionale Verfassung des sexuell Aktiven. Vielleicht führt Sex vor dem Wettkampf zu einer solchen Entspannung, daß es dem Athleten danach an der notwendigen Aggressivität mangelt? Für einen Boxer wäre das fatal. In Sportarten, in denen es auf ein ruhiges Händchen ankommt, wie dem Bogenschießen, könnte man nervösen Kandidaten ein bißchen Sex vor dem Wettkampf nur empfehlen.
Weitere Fragen müssen dringend geklärt werden, zum Beispiel: Welche Einflüsse sind durch besondere individuelle Vorlieben, sagen wir mal durch Sado-Maso-Praktiken, zu erwarten? Schließlich schwanken die Pulsraten während sexueller Aktivität schon je nach Position und Temperament. Auch spielt es eine Rolle, ob man sich mit dem vertrauten Partner oder außer der Reihe vergnügt. Da nach Auswertung der Fachliteratur, so Shrier und McGlone, Sex nicht immer gleich abläuft – Kamasutra läßt grüßen - dürfe man sich mit den bisherigen Einsichten nicht zufriedengeben.
Wie immer, wenn ein weltbewegender Sachverhalt offen ist, von dessen Klärung das Wohl und Wehe der Menschheit abhängt, fordern die Wissenschaftler weitere Forschungsgelder, um die Tür der Erkenntnis einen Spalt weiter aufzustoßen. Aber wie kann man herausfinden, welche Athleten leistungsmäßig von Sex profitieren („responders“) und welche aus den gleichen Gründen versagen („non-responders“). Der wissenschaftlich Geschulte weiß, was sich Forscher wie Shrier und McGlone wünschen. Richtig! Kontrollierte Doppelblind-Studien mit Zufallsverteilung im Crossover-Design. Unser Vorschlag: Man nehme die Eishockey-Mannschaft des Vereins A und – um spätere Komplikationen zu vermeiden – die Synchronschwimmerinnen des Vereins B, und kombiniere die Damen und Herren streng nach Zufallsprinzip und mit Kontrollgruppen. Und auch das dopppelblinde Design sollte kein unüberwindliches Problem darstellen. Wie wär‘s mit ein paar Augenbinden?
Nachdem wir auf die bahnbrechenden Erkenntnisse aus Montreal wohl noch ein wenig warten müssen, hören wir solange einen Praktiker. Casey Stengel, der legendäre Manager der New York Yankees, sah die Sache pragmatisch: „Nicht der Sex macht die Jungs schlapp, sondern daß sie die ganze Nacht unterwegs sind, um ihn zu suchen.“

Quellen:
Anon.: Sex oder Sieg. ZDF Abenteuer Wissen 20.11.2002. In: http://www.zdf.de/inhalt/4/0,1872,2022052,00.html. http://www.worldof-soccer.de/Download/Texte/ sprueche.htm#vogts. S. McGlone, I. Shrier: Does sex the night before competition decrease performance? Clinical Journal of Sport Medicine 2000/10/S. 233f.
J. Sztajzel et al.: Effect of sexual activity on cycle ergometer stress parameters, on plasmatic testosterone levels and on concentration capacity. Journal of Sports Medicine and Physical Fit-ness 2000/40/S. 233ff.

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