Vorwort |
Fit für was?
Für’s
Überleben, sprach Darwin. Für’s Vaterland, forderte Turnvater
Jahn.
Für die ewige Jugend, jubelt der Zeitgeist. Für die
Gesundheit,
mahnt die Gesundheitsministerin. Ja, was denn nun? Ist Fitneß gut
für
oder gegen alles, oder darf sich jeder das ihm Genehme aussuchen?
Megatrends, wie der grassierende Fit- und Wellnessboom, oder im
Brustton
der Überzeugung geäußerte Selbstverständlichkeiten
à
la „Sport ist gesund“ fordern es heraus: Dem muß man einfach mit
fröhlichem
Mißtrauen und gesunder Skepsis auf den Grund gehen. Gesagt,
getan.
Wir starten also eine Entdeckungsreise in die Welt der Pulsuhren,
Waschbrettbäuche
und Mentalseminare, wagen den Aufstieg auf den Olymp der
Sportwissenschaft,
begeben uns in die Niederungen der Gesundheitspolitik. Dabei werden wir
mehr
als einmal auf Abenteuerliches stoßen. Entsprechend fallen die
Expeditionsberichte
heiter, bissig oder realsatirisch aus, sie sind häufig politisch
ziemlich
inkorrekt, doch leider allzuoft auch bitterernst.
Fitneß ist ein weites Feld, bei dem vor allem der Körper
beackert
wird. Schweißbäche fließen, die einen wollen
Muskelberge
auftürmen, die anderen schuften für flache Bäuche und
kernige
Pobacken. Als Lohn der Mühe winken Schönheit, Jugend und
Erfolg
– versprechen zumindest die Hochglanzgazetten. Aber auch in der
Landwirtschaft
erntet nicht jeder Bauer dicke Kartoffeln. Hier wie dort muß den
natürlichen
Gegebenheiten zur Not ein wenig nachgeholfen werden: Spritzen gegen
unliebsame
Zeiterscheinungen, Saugpumpen gegen überquellende Fettreservoire,
Pülverchen
als Wachstumshilfe oder zur dringenden Ergänzung der
erschöpften
Nährstoffvorräte. Wenn alles gut geht, kommt am Ende ein
marktgerechter
Körper der Handelklasse A heraus: eine glatte, makellose
Oberfläche,
die Inhaltsstoffe sind Nebensache. Der Kopf scheint – mentale
Fitneß
hin oder her – in vielen Fällen sowieso nur als Halterung für
eine
möglichst dekorative Gesichtsmaske gebraucht zu werden.
Wenn allenthalben verlautbart wird, daß es jedem und jeder
möglich
ist, einen „Superbody“ zu erlangen, sofern er/sie nur vier Wochen lang
genau
nach Plan turnt, cremt und kaut, fällt es leicht, verächtlich
über
die die Nase zu rümpfen, die nach wie vor mit ihrem bewährten
Standardmodell
herumspazieren und womöglich sogar damit zufrieden sind. Einfach
uncool.
Aber wehe denen, die zugeben, sie hätten die angesagten
Verschönerungsmaßnahmen
vergeblich probiert! Faul, lasch, willensschwach müssen sie sich
nennen
lassen. So jemand bringt es sicher auch in anderer Beziehung zu nichts.
Zu
weit hergeholt? Keineswegs: Immerhin 42 Prozent der
Unter-30jährigen
stimmten dem Satz zu: „Wer nicht an sich arbeitet, um eine gute Figur
zu
haben und leistungsfähig zu bleiben, ist selbst schuld, wenn er z.
B.
berufliche Nachteile hat oder nicht so leicht einen Partner findet.“
Das
ermittelte das Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag der
Körber-Stiftung
im Oktober 2000. So wird der Fitneßdrang zum Fitneßzwang.
(...)
Wir, die Autoren dieses Lexikons, erlauben uns deshalb, nicht nur die
populärsten
Behauptungen zu Fitneß, Wellness, Sport und Erfolg auf den
Prüfstand
zu stellen, sondern zugleich das Geschäft mit der Angst vor
Krankheit
und Alter zu durchleuchten. Dabei geht es uns nicht nur um Ihr sauer
verdientes
Geld, sondern auch darum, sich die eigene Unbefangenheit und
Vitalität
zu bewahren und zu stärken. So halten wir es ab jetzt in diesem
Buch
mit Friedrich Nietzsche: „Der Einwand, der Seitensprung, das
fröhliche
Misstrauen, die Spottlust sind Anzeichen der Gesundheit: Alles
Unbedingte
gehört in die Pathologie.“ Will sagen: No body is perfect – und
muß
es auch nicht sein.
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