Udo Pollmer, Susanne Warmuth

Lexikon der populären Ernährungsirrtümer

Mißverständnisse, Fehlinterpretationen und Halbwahrheiten von Alkohol bis Zucker
Eichborn Verlag 2000

Aktualisierte Neuausgabe mit zahlreichen neuen Stichwörtern
Eichborn Verlag 2007, Taschenbuch Piper 2009


 
"Es kann als gesichert angesehen werden, und dazu bedarf es keiner Aufklärung: Ernährung ist tödlich! Denn jeder, der sich lange genug ernährt hat, ist bislang gestorben. Wer hingegen aufhört, sich zu ernähren, kann zumindest nicht an den Folgen der Ernährung sterben."

Prof. Harald Förster, Universität Frankfurt

           Titel Ernährung TB

 

Vorwort

Appetithäppchen


Essen ist menschlich

„Alles, was Spaß macht, ist entweder verboten, unanständig oder ungesund.“ Dieser Stoßseufzer eines Genießers bringt es auf den Punkt. Wir leben fürwahr in lustfeindlichen Zeiten. Die Kirchenoberen werden nicht müde, nach dem Unterleib ihrer Schäfchen zu greifen, und Ernährungsexperten aller Art verbieten uns jetzt auch noch den Mund. Diätpäpste verkünden die neuen Ersatzreligionen und versprechen das ewige Leben in jugendlicher Schönheit - sofern man denn ihre Gebote befolgt. Sie missionieren gegen die Todsünden unserer Ernährung („zu viel - zu süß - zu fett - zu salzig"), und warnen gebetsmühlenhaft vor dem nahenden Herztod durch das weichgekochte Ei, wie weiland die Pfaffen vor Rückenmarksverlust durch Onanieren. Statt Ablaßbriefen für den wohlhabenden Sünder verkaufen die modernen Prediger Vitaminpillen gegen die Angst vor Impotenz und Alter, Formula-Diäten zum Design der Oberschenkel und Rotweinpillen für Banausen.
Das Trommelfeuer an Ernährungsge- und verboten wirkt. In den USA plagen sich bereits Sechsjährige mit den ersten Diäten. Als Erwachsene zählen sie dann artig ihre Kalorien, prüfen täglich mit der Badezimmerwaage die Standhaftigkeit ihres Glaubens, handhaben die Kalorientabelle wie den Katechismus und beten jeden Blödsinn über kalorienarme Butter, vitalisierte Rohkost und die mehrfach ungesättigten Spekulationen der Experten für gesunde Ernährung nach.
Wären die Menschen aufgrund all der Ratschläge tatsächlich gesünder geworden, niemand würde etwas sagen. Aber nach 40 Jahren unermüdlicher Gehirnwäsche im Namen der Gesundheit lassen die Beweise für den Nutzen der Entsagung noch immer auf sich warten. Statt dessen wächst die Zahl der diätgeschädigten Dicken und der Eßgestörten. Bittere Ironie: Die einzigen, die es geschafft haben, sich mit dem Verstand gegen den Körper durchzusetzen, sind die Magersüchtigen. Sie kontrollieren jeden Happen und achten ständig aufs Gewicht. Sie kennen die Kalorientabellen auswendig, kauen jeden Bissen zwanzigmal und essen nicht mehr, als sie sich erlauben, egal ob's Pommes mit Mayo oder Mousse au chocolat gibt. Ihr Wille hat gesiegt - aber um welchen Preis.
Die Umerziehungsversuche auf dem Gebiet der Ernährung müssen scheitern. Zum einen ist der Appetit mit dem Verstand kaum steuerbar - auch wenn wir als wohlerzogene Deutsche lieber an mangelnde Selbstbeherrschung glauben als an einen Mangel an Genußfähigkeit. Essen ist ein Trieb. Die Nahrungsaufnahme, die Auswahl der Speisen, der Appetit sind entwicklungsgeschichtlich älter als die Sexualität. Sie sind im Instinkt verankert und dem Verstand, der Ratio, auf Dauer nicht zugänglich und von ihm langfristig auch nicht steuerbar. Das Sexualverhalten des Menschen erscheint dagegen noch vergleichsweise rational und beeinflußbar. Essen und Trinken sind überlebenswichtige Grundbedürfnisse. Dies hat die Biologie so festgelegt - ob es uns paßt oder nicht. Allein der Tatbestand, daß seit Jahrzehnten Ratschläge auf Ratschläge folgen, Theorien auf Theorien, Diäten auf Diäten, zeigt dem unbefangenen Beobachter, daß hier ein grundsätzlicher Denkfehler vorliegen muß.
Doch das Scheitern hat noch weitere Gründe. Am augenfälligsten ist der Versuch, die ganze Menschheit über einen Kamm scheren zu wollen. Weshalb sollen wir eigentlich alle dasselbe essen - obwohl wir uns nicht nur in Schuhgröße und Kragenweite unterscheiden, sondern ganz genauso in der Arbeitsweise unseres Darms und der Enzymausstattung der Leber? Die eine "gesunde Ernährung" für alle ist eine Illusion. Schließlich würde auch niemand auf die glorreiche Idee verfallen, allen Menschen das Einkürzen der Füße auf Schuhgröße 25 zu empfehlen, nur weil Füße bei dieser Größe im statistischen Mittel gesünder sind... 
...
Vielleicht sind aber nicht nur die Aussagen der Ernährungsberatung fragwürdig, sondern das ganze Konzept? Ein Mensch, der jeden Bissen unter den Aspekten vermeintlich "gesunder Ernährung" zerkaut, befindet sich in der gleichen Situation wie einer, der Sexualität in erster Linie unter orthopädischen Gesichtspunkten sieht und vorsorglich seine Wirbelsäule entlasten möchte. Die ernährungsbewußte Küche aus den Elfenbeintürmen der Wissenschaft ist, um den australischen Psychophysiker Robert McBride zu zitieren, wie Sex ohne Orgasmus.
Aber woran kann man sich noch orientieren? werden Sie jetzt mit Recht fragen. Unsere Empfehlung: Achten Sie doch mal wieder auf die freundlichen Hinweise Ihres Appetits und benutzen Sie den gesunden Menschenverstand als Korrektiv bei allen Verlockungen und Verboten gleich welcher Art. Den Autoren läge nichts ferner, als den Inhalt Ihres Kühlschrankes zu kritisieren, und wir werden uns hüten, Ihnen etwas zu vermiesen, das Sie bisher mit Appetit genossen haben. Im Gegenteil. Lassen Sie sich vom Lexikon der populären Ernährungsirrtümer ruhig lange versagte Genüsse wieder schmackhaft machen: Es ist als reichhaltiges Büffet komponiert. Neben sättigenden Hauptgerichten, wie den Irrtümern rund ums Cholesterin, ums Salz oder den Vitaminbedarf, gibts allerlei leichte Speisen. Und natürlich dürfen die delikaten Appetithäppchen nicht fehlen: Fördern Trüffel die Potenz? Ist gegen den Kater wirklich kein Kraut gewachsen? Und frißt der Teufel die Fliegen nur in der Not? Nehmen Sie sich ein paar Schmankerln auf den Teller - und naschen Sie. Sie wissen ja: Der Appetit kommt spätestens beim Lesen.

Als Appetithäppchen reichen wir Ihnen folgende Texte:

> Ballaststoffe sind unschädliche Abführmittel
> Frische Eier schmecken besser
> Kalbsleberwurst enthält Kalbsleber
> Margarine schützt das Herz
> Süßstoffe machen schlank
 


Ballaststoffe

Ballaststoffe sind unschädliche Abführmittel

Der Darm ist ein ähnlich mißverstandenes „Wesen“ wie die Ballaststoffe. Keinesfalls ein tumber Kanal, der mit hartem Faserbesen ausgekehrt werden muß, wie viele Naturheilkundler glauben, wenn sie ihren Patienten ballaststoffreiche Kost empfehlen, um deren Darm "mechanisch zu reinigen". Im Gegenteil, der Darm ist ein mit einer feinen Schleimhaut ausgekleidetes, hochsensibles Organ, bei dem ein solches Ansinnen nicht unbedingt auf Gegenliebe stößt. Er beherbergt zusätzlich zahlreiche Untermieter, die Darmflora, mit der er arbeitsteilig in lebenslanger Symbiose lebt. Gegen Kost und Logis unterstützt sie den Darm nicht nur beim Verdauen, sondern steht auch an vorderster Front bei der Abwehr von Krankheitserregern und liefert seinem Vermieter, dem Menschen, darüber hinaus auch ein paar wichtige Nährstoffe.
Wenn es um die Ballaststoffe geht, hängt alles an diesen Untermietern. Denn die Verdauungssäfte des Menschen vermögen ihnen nichts anzuhaben. Anders die Darmflora: Sie ist in der Lage, einen Teil der Ballaststoffe zu kurzkettigen Fettsäuren abzubauen. Kommen jedoch zu große Ballaststoffmengen auf einmal an, ist auch eine gesunde Darmflora bald überfordert. Statt einer geregelten Verdauung entstehen nicht nur unerwünschte, weil „sozial unverträglichen“ Darmgase, sondern auch giftige Gärungsalkohole, die auf Dauer die Darmschleimhaut und das Immunsystem schädigen. 
Besonders leiden darunter Patienten mit irritablem Colon, auch Reizdarm genannt. Bis vor wenigen Jahren glaubte man, daß sich die Beschwerden vor allem durch eine ballaststoffreiche Ernährung therapieren ließen. Inzwischen wurde man eines Besseren belehrt. Beispielsweise kam es in einer Studie mit 100 Patienten nur bei 10 durch Weizenkleie zu einer Verbesserung ihrer Symptome, während 55 über eine Verschlimmerung klagten. Der Verzehr von Müsli nützte niemanden, aber schadete fast einem Drittel der Patienten. Nicht viel anders bei Obst, vor allem Zitrusfrüchten. Mittlerweile stehen Ballaststoff-Präparate im Verdacht, eine Ursache des Reizcolons zu sein. Aus biologischer Sicht kommt dieses Erkenntnis alles andere als überraschend: Ballaststoffe enthalten reichlich pflanzliche Abwehrstoffe. Diese reizen den Darm und können Entzündungen verursachen.
Ballaststoffe stehen auch im Verdacht, Osteoporose zu fördern. Bei Frauen, die im Rahmen einer Abmagerungskur täglich 28 Gramm Ballaststoffe (das ist immer noch weniger, als die Deutsche Gesellschaft für Ernährung als Minimum für den Erwachsenen empfiehlt) zu sich nahmen, wurde nach mehrmonatigem Gebrauch eine deutliche Verminderung der Knochendichte beobachtet. Ob dies nur eine Folge des Gewichtsverlustes ist, oder mit den Ballaststoffen zusammenhängt, ist noch nicht geklärt. Gesichert ist aber, daß manche Ballaststoffe durch die Bindung von Mineralstoffen den Mineralstoffhaushalt des Körpers nachteilig beeinflussen können. Davon betroffen sind vor allem Calcium, Magnesium, Zink und Eisen. 
Menschen, die ihrer Verstopfung mit Ballaststoffen zu Leibe rücken, müssen - außer mit den beschriebenen Nebenwirkungen - mit einem Gewöhnungseffekt rechnen, wie bei anderen Abführmitteln auch. Das heißt, immer größere Mengen werden nötig, um die gleiche Wirkung zu erzielen. In extremen Fällen kann es dazu kommen, daß der Darm nicht mehr zu reagieren vermag und die aufquellenden Ballaststoffe große Klumpen (sogenannte Bezoare) bilden oder gar einen Darmverschluß verursachen. Gefährdet sind vor allem Menschen, die schon andere Abführmittel im Übermaß benutzt haben oder bei denen aufgrund von Erkrankungen (zum Beispiel Diabetes) oder Medikamenten (zum Beispiel Psychopharmaka) die Darmbeweglichkeit herabgesetzt ist.

Quellen:
Freisleben H: Kritische Bemerkungen des Mediziners zur sogenannten ballastreichen Kost. Ernährung/Nutrition 1985/9/S.858. Kang JK, Doe WF: Unprocessed bran causing intestinal obstruction. British Medical Journal 1979/1/S.1249. Johnson IT, Southgate DAT: Dietary fiber an related substances. London 1994. Rabast U, Götz ML: Negative Ballaststoffeffekte. Medizinische Klinik 1982/77/S.257. Hardt M, Geisthövel W: Schwerer Obstruktionsileus durch Leinsamenbezoar. Medizinische Klinik 1986/81/S.541. Avenell A et al: Bone loss associated with a high fibre weight reduction diet in postmenopausal women. European Journal of Clinical Nutrition 1994/48/S.561. Pirlet K: Zur Problematik der Vollwerternährung. Erfahrungsheilkunde 1992, Heft 5, S.345. Francis CY, Whorwell PJ: Bran and irritable bowel syndrome: time for reappraisal. Lancet 1994/344/S.39.

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Eier

Frische Eier schmecken besser

Sie kennen diesen Test sicher: Legt man ein frisches Ei in eine mit Wasser gefüllte Schüssel, bleibt es gerade am Boden liegen. Bei einem älteren Ei hebt sich der stumpfe Pol, da es eine größere Luftkammer besitzt. So weit, so gut. Nur: Nicht alle Eier mit einer kleinen Luftkammer sind frisch... Denn natürlich wissen auch die Eierproduzenten um dieses Phänomen, schließlich versucht die Lebensmittelüberwachung durch Messung der Luftkammergröße das Alter der Eier zu ermitteln. Entsprechend trachten die Eierexperten danach, die Luftkammer durch geschickte Steuerung der Lagerungsbedingungen klein zu halten. Dies gelingt, indem man Zusammensetzung, Temperatur und Feuchtigkeit der Lagerungsatmosphäre manipuliert.
Sicherer lassen sich frische von alten Eiern beim Aufschlagen unterscheiden: Ein frisches Ei besitzt ein deutlich gewölbtes Eidotter mit einer festen Membran (das heißt, es reißt nicht gleich) und ein Eiklar mit zwei verschiedenen Zonen. Bei einem alten Ei läuft das Eiklar weit auseinander, ohne daß man unterschiedliche Partien erkennen könnte, das Eidotter ist flache und platzt schnell auf.
Aber schmeckt denn ein frisches Ei nun tatsächlich besser? - Nach Meinung von Fachleuten braucht ein Ei 10 Tage, um sein volles Aroma zu entwickeln. Eine billige Ausrede, um Zeit zu schinden? Offenbar nicht: Bei einer landwirtschaftlichen Ausstellung durften Besucher hartgekochte Eier verkosten und angeben, welche ihnen am besten schmeckten. Was sie nicht wußten: Die Eier waren drei, 14 oder 21 Tage alt.
Die Auswertung der Antworten von 3'000 Testessern ergab, daß den meisten Menschen die 14 Tage alten Eier am besten schmeckten. Auf Platz 2 rangierten die drei Tage alten Eier, das Schlußlicht bildeten die 21-Tage-Eier. Gewohnheit kommt als Erklärung weniger infrage, denn dann müßten die 21-Tage-Eier deutlich vor den 3-Tage-Eiern liegen...

Quellen:
Ternes W et al. (Eds.): Ei und Eiprodukte. Berlin 1994. Kallweit E et al: Qualität tierischer Nahrungsmittel. Stuttgart 1988.

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Leberwurst

Kalbsleberwurst enthält Kalbsleber

Um mit Radio Eriwan zu sprechen: Im Prinzip nein. Warum das so ist, verrät ein Handbuch der Fleischwarenherstellung: „Da vom technologischen Standpunkt aus die Kalbsleber sich schlecht eignet, andererseits die Schweineleber der Kalbsleber ernährungsphysiologisch gleich ist, bestehen keine Bedenken, bei Kalbsleberwurst lediglich Kalbfleisch zu verarbeiten, ... während auf die Verarbeitung von Kalbsleber verzichtet werden kann.“
Das heißt in aller Regel wird Kalbsleberwurst mit Schweineleber hergestellt, die ist zudem auch billiger - was sich aber nicht unbedingt am Endprodukt bemerkbar machen muß. Schließlich erhöht das Wörtchen "Kalbsleber" die Preisbewilligungsbereitschaft des Kunden. Doch selbst Schweineleber macht nur bei „Spitzenqualität“ mehr als 25 Prozent der Wurstmasse aus, in der einfachen Leberwurst darf der Lebergehalt bis auf zehn Prozent sinken. Das Kalb gelangt beispielsweise - so gestatten es die deutschen „Leitsätze für Fleisch und Fleischerzeugnisse“ - in seiner betagteren Form als „grob entsehntes“ Jungrindfleisch in die Leberwurst. Bereits ein Zusatz von 10 Prozent des genannten Rindfleisches reicht für das Wort "Kalbs" vor der „Leberwurst“. Die restlichen (65-)80 Prozent der Natur- oder Kunstdarmfüllung besteht aus grob entfettetem Schweinefleisch, fettgewebereichem Schweinefleisch, Flomen und Speck. Dazu kommen ein paar Emulgatoren, Stabilisatoren, Umröter, Geschmacksverstärker und Aromen. Und fertig ist die Leberwurst.

Quellen:
Lienhop E: Handbuch der Fleischwarenherstellung. Praxis und Wissenschaft der Fleischwarenherstellung. Braunschweig 1974. Leitsätze für Fleisch und Fleischerzeugnisse. IdF vom 31.1.1994 (GMBl 1994, S.350). Pollmer U et al: Vorsicht Geschmack - Was ist drin in Lebensmitteln, Stuttgart 1998.

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Margarine

Margarine schützt das Herz

Wenn man jahrzehntelang Margarine als "Herzschutz" verkauft, dann sollte es eigentlich hinreichend viele und seriöse Belege geben, daß Menschen, die sich Margarine statt Butter oder Schmalz aufs Brötchen schmieren, länger leben oder zumindest seltener an Herzkrankheiten leiden oder sterben. Doch genau diese Beweise fehlen. Sollte es wirklich niemand untersucht haben?
Die Briten sind für ihre scharfsinnigen Meisterdetektive ebenso berühmt wie für ihren manchmal etwas skurrilen Humor. Wer käme wohl sonst auf die Idee, im Bauchspeck von Verkehrstoten nach dem Zusammenhang zwischen Margarine und Herzinfarkt zu suchen? Was auf den ersten Blick so abwegig erscheint, ist aber klug durchdacht.
Der britische Forscher Leo Thomas geht seit den frühen siebziger Jahren der umgekehrten Frage nach, ob chemisch veränderte Fette, wie sie in der Margarine vorkommen, mit Arteriosklerose und Herzinfarkt in Beziehung stehen. Bei seinen Untersuchungen macht er sich zunutze, daß fetthaltige Nahrungsmittel eine charakterische Fettsäurezusammensetzung besitzen - die sich im Fettgewebe der Menschen, die sie verzehren, widerspiegelt. Das heißt, jemand, der viel Fleisch ißt, hat andere Fettsäuren im eigenen Speck als jemand, der sich vorwiegend vegetarisch ernährt.
Bei der Herstellung von Margarine entstehen im Produktionsverlauf - um genau zu sein bei der partiellen Hydrierung - auch Fettsäuren, die in der Natur nicht oder nur in äußerst geringen Mengen vorkommen: die sogenannten Transfettsäuren. Einige von ihnen gibt es nur in der Margarine - und damit auch im Margarineesser. Aus dem Mengenverhältnis der einzelnen Fettsäuren läßt sich sogar schließen, welchen Margarinetyp der Verstorbene bevorzugt hat! Das hängt schlicht von den Rohstoffen und deren Fettsäuremustern ab.
Besagter Brite nun untersuchte das Fettgewebe von Menschen, die an Herzinfarkt gestorben waren, und das von Verkehrsopfern oder aus anderen Gründen Verschiedenen. Seine Ergebnisse sind ebenso eindeutig wie niederschmetternd: Unter den Herztoten waren - und zwar unabhängig von der sozialen Schicht, aus der sie stammten - signifikant mehr Margarineesser als unter den anderen Personen. Bei ihnen fand er nicht nur mehr Transfettsäuren, sondern im übrigen noch weitere veränderte, mehrfach ungesättigte Fettsäuren - zum Beispiel aus Fischölen. Natürlich ist das zunächst nur eine Korrelation und kein Beweis.
Eine Stütze findet diese Vermutung jedoch in Tierversuchen. Forscher fütterten ihre Ratten mit einer Art „Labormargarine“ aus teilgehärtetem Heringsöl. Nach 32 Wochen (das ist etwa ein Fünftel eines Rattenlebens) beobachteten sie bei diesen Tieren dramatische Häufungen von Entzündungen des Herzmuskels, die mit Vernarbungen ausheilten - wie beim Herzinfarkt. Die Vergleichsgruppe hatte ihr Fett in Form von Speck und Maisöl bekommen: Sie wies zwar höhere Cholesterinspiegel auf, hatte aber nicht mehr Herzenschäden als mit typischer Laborrattenkost gefütterte Tiere.
Zwar hat der Anteil an Fischöl in der Margarine nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland bald abgenommen - aber auch bei der Härtung von Pflanzenölen entstanden reichlich neuartige Transfettsäuren. Deshalb sind die Ratten und der „Sherlock Homes der Fette“ nicht die einzigen, die die Margarine-Hypothese gegen den Strich bürsten. Für eine andere große Studie, die Nurses Health Study, wurden 80'000 Krankenschwestern in regelmäßigen Abständen befragt. Ergebnis nach 14jähriger Laufzeit: Es ließ sich kein Zusammenhang zwischen verzehrter Fettmenge und Herzinfarkt feststellen, wohl aber zwischen den Fettarten. Während "normale" Fettsäuren das Risiko mindern, einen Infarkt zu erleiden, wächst es mit der Zufuhr von Transfettsäuren an. Und selbst aus den Daten der altehrwürdigen Framingham-Studie kann man - trotz mancher Schwächen bei der Datenerhebung - herauslesen, daß das Herzinfarktrisiko mit der verzehrten Margarinemenge wächst, während es für Butter sogar sinkt.
Mittlerweile sorgt die Margarineindustrie zwar für geringere Transfettsäuregehalte in ihren Produkten, ob das den Menschen etwas nützt, die seit 20 oder 30 Jahren auf dem Margarinetrip sind, darf jedoch bezweifelt werden. Aber für alle, die sich nicht von Fetthypothesen verwirren lassen, ist wie immer alles in Butter.

Quellen: 
Thomas L: Mortality from arteriosclerotic disease and consumption of hydrogenated oils and fats. British Journal of Preventive and Social Medicine 1975/29/S.82. Thomas L, Scott RG: Ischaemic heart disease and the proportions of hydrogenated fat and ruminant-animal fat in adipose tissue at post-mortem examination: a case-control study. Journal of Epidemiology and Community Health 1981/35/S.251. Thomas L: Ischaemic heart disease and consumption of hydrogenated marine oils in England and Wales. Journal Epidemiology and Community Health 1992/46/S.78. Willett WC et al: Intake of trans fatty acids and risk of coronary heart disease among women. Lancet 1993/341/S.581. Gillman MW et al: Margarine intake and subsequent coronary heart disease in men. Epidemiology 1997/8/S.144. Schiefer HB et al: Long-term effects of partially hydrogenated herring oil on the rat myocardium. Drug-Nutrient Interactions 1982/1/S.89. Hu FB et al: Dietary fat intake and the risk of coronary heart disease in women. New England Journal of Medicine 1997/337/S.1491.

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Süßstoffe

Süßstoffe machen schlank

Nicht nur Winnie Pu, der Bär mit der Vorliebe für Honigtöpfe, ist als rechtes Schleckermaul bekannt. Auch viele andere Tiere, der Mensch eingeschlossen, können dem süßen Geschmack nicht widerstehen. Noch weiß man nicht genau, woher diese Neigung kommt, aber es spricht einiges dafür, daß die Lust auf Süßes angeboren ist. Nur Pech, daß wir im Kalorienspar-Zeitalter leben. Doch zum Glück gibt es ja die Süßstoffe, die uns Genuß ohne Reue versprechen.
Die Rechnung scheint so einfach: Ein Stück Würfelzucker enthält 10 Kilokalorien, eine Süßstofftablette, die den gleichen Süßeindruck hervorruft, keine einzige. Also spare ich einige Kilokalorien, wenn ich meinen Kaffee oder Tee mit Süßstoff statt mit Zucker süße. Das ist zwar logisch, aber nicht biologisch... Denn der süße Geschmack löst bereits auf der Zunge einen Reflex aus, eine rasche, nicht willentlich beeinflußbare Körperreaktion. Die Wissenschaftler nennen ihn einen Pawlowschen Reflex, weil Herr Pawlow Ende des19. Jahrhunderts feststellte, daß Hunde auch dann heftig Speichel und Verdauungssäfte produzierten, wenn er ihnen das Futter nur zeigte, aber nicht gab. Diese grundlegende Erkenntnis brachte ihm den Nobelpreis ein.
In unserem Fall heißt das Signal: "Zunge an Bauchspeicheldrüse: Hier schmeckt's süß. Insulin ausschütten, gleich kommt Zucker." Süßstoff spielte in der Evolution bislang keine Rolle, deshalb wird der süße Geschmack von unserem Körper - weil es eben immer so war - mit Zucker gleichgesetzt. Ein fataler Irrtum. Das eilig ausgeschüttete Insulin kann nämlich nicht anders, es muß den Zucker abbauen, der aus dem Verdauungstrakt in die Blutbahn übergegangen ist. Und wenn der angekündigte Nachschub nicht rollt - Süßstoff liefert keinen Blutzucker -, greift es halt auf den noch vorhandenen zurück. Prompt sinkt der momentane Blutzuckerspiegel. Ein sinkender Blutzuckerspiegel ist jedoch ein Alarmsignal für den Körper. Er antwortet mit Heißhungergefühlen, um den Verlust möglichst schnell wieder auszugleichen. Das heißt in letzter, harter Konsequenz: Süßstoff macht hungrig.
Die appetitanregende Wirkung von Süßstoffen bestätigen seit langem wissenschaftliche Untersuchungen an Menschen. Nur zwei Beispiele: In einer Studie wurde der Einfluß vier verschiedener Joghurts auf Nahrungsaufnahme und auf Hungerempfinden untersucht. Angeboten wurden Joghurt natur, Joghurt mit Stärke (ungesüßt, aber sämiger), Joghurt mit Zucker oder Joghurt mit Saccharin. Die Versuchspersonen konnten danach im Laufe des Tages essen, soviel sie wollten. Es zeigte sich, daß die Probanden mit dem mit Saccharin gesüßten Joghurt nicht nur am hungrigsten waren, sondern insgesamt auch am meisten aßen. Die Personen mit dem gezuckerten Joghurt und die mit dem stärkehaltigen Joghurt verzehrten insgesamt dagegen weniger Kalorien.
Für eine andere Studie wurden fast 80'000 Frauen befragt. Sie sollten angeben, wie sich ihr Gewicht in den zurückliegenden 12 Monaten entwickelt hatte, ob und, wenn ja, seit wann sie wieviel Süßstoff verwendeten. In der Gruppe der Frauen, die in diesem Zeitraum zugenommen hatten, waren eindeutig mehr Süßstoffverwenderinnen als in der anderen. Außerdem hatten die Süßstoffverwenderinnen stärker zugenommen. Dieser Unterschied ließ sich nicht mit den sonstigen Ernährungsgewohnheiten erklären.
Falls Sie uns nicht glauben, fragen Sie doch mal einen Schweinezüchter - Schweine lügen nicht. In der Tiermast sind Süßstoffe als Appetitanreger schon lange gang und gebe - und auch als solche zugelassen. Nachzulesen in der Futtermittelverordnung, Anlage 3, Punkt 3. Ein Hersteller von Zusatzstoffen zu Tierfutter wirbt beispielsweise mit "Süßstoffe erhöhen Gewicht und Gewinn". Sie verbessern „die tägliche Futteraufnahme bei Ferkeln und Jungschweinen“ und „auch bei Sauen mit gezügeltem Appetit wird die Futteraufnahme stimuliert".
Was würde wohl Miss Piggy, die Schweinedame aus der Muppets-Show, dazu sagen? „Schweinerei!“ vermutlich.

Quellen:
Rogers PJ, Blundell JE: Separating the actions of sweetness and calories: effects of saccharin and carbohydrates on hunger and food intake in human subjects. Physiology & Behavior 1989/45/S.1093. Stellman SD, Garfinkel L: Artificial sweetener use and one-year weight change among women. Preventive Medicine 1986/15/S.195. Thompson MM, Mayer J: Hypoglycemic effects of saccharin in experimental animals. American Journal of Clinical Nutrition 1959/7/S.80. Hommel H et al: The mechanism of insulin secretion after oral glucose administration. Diabetologia 1972/8/S.111. International Additives Limited, Merseyside: Süßstoffe erhöhen Gewicht und Gewinn. Prospekt ohne Jahr. Pawlow IP: Sämtliche Werke. Berlin 1954, Band 5: Vorlesungen über Physiologie; Physiologie der Verdauung, S.51. Futtermittelverordnung idF vom 19.11.1997 (BGBl I S.2714), zuletzt geändert am 3.8.1998 (BGBl I S.1995).

(Copyright Eichborn Verlag 2000)

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