Vorwort
Appetithäppchen
|
Essen ist menschlich
„Alles, was
Spaß macht, ist entweder verboten, unanständig
oder ungesund.“ Dieser Stoßseufzer eines Genießers bringt
es
auf den Punkt. Wir leben fürwahr in lustfeindlichen Zeiten. Die
Kirchenoberen
werden nicht müde, nach dem Unterleib ihrer Schäfchen zu
greifen,
und Ernährungsexperten aller Art verbieten uns jetzt auch noch den
Mund. Diätpäpste verkünden die neuen Ersatzreligionen
und
versprechen das ewige Leben in jugendlicher Schönheit - sofern man
denn ihre Gebote befolgt. Sie missionieren gegen die Todsünden
unserer
Ernährung („zu viel - zu süß - zu fett - zu salzig"),
und
warnen gebetsmühlenhaft vor dem nahenden Herztod durch das
weichgekochte
Ei, wie weiland die Pfaffen vor Rückenmarksverlust durch
Onanieren.
Statt Ablaßbriefen für den wohlhabenden Sünder
verkaufen
die modernen Prediger Vitaminpillen gegen die Angst vor Impotenz und
Alter,
Formula-Diäten zum Design der Oberschenkel und Rotweinpillen
für
Banausen.
Das Trommelfeuer an Ernährungsge- und verboten wirkt. In den USA
plagen sich bereits Sechsjährige mit den ersten Diäten. Als
Erwachsene
zählen sie dann artig ihre Kalorien, prüfen täglich mit
der Badezimmerwaage die Standhaftigkeit ihres Glaubens, handhaben die
Kalorientabelle
wie den Katechismus und beten jeden Blödsinn über
kalorienarme
Butter, vitalisierte Rohkost und die mehrfach ungesättigten
Spekulationen
der Experten für gesunde Ernährung nach.
Wären die Menschen aufgrund all der Ratschläge
tatsächlich
gesünder geworden, niemand würde etwas sagen. Aber nach 40
Jahren
unermüdlicher Gehirnwäsche im Namen der Gesundheit lassen die
Beweise für den Nutzen der Entsagung noch immer auf sich warten.
Statt
dessen wächst die Zahl der diätgeschädigten Dicken und
der
Eßgestörten. Bittere Ironie: Die einzigen, die es geschafft
haben, sich mit dem Verstand gegen den Körper durchzusetzen, sind
die Magersüchtigen. Sie kontrollieren jeden Happen und achten
ständig
aufs Gewicht. Sie kennen die Kalorientabellen auswendig, kauen jeden
Bissen
zwanzigmal und essen nicht mehr, als sie sich erlauben, egal ob's
Pommes
mit Mayo oder Mousse au chocolat gibt. Ihr Wille hat gesiegt - aber um
welchen Preis.
Die Umerziehungsversuche auf dem Gebiet der Ernährung müssen
scheitern. Zum einen ist der Appetit mit dem Verstand kaum steuerbar -
auch wenn wir als wohlerzogene Deutsche lieber an mangelnde
Selbstbeherrschung
glauben als an einen Mangel an Genußfähigkeit. Essen ist ein
Trieb. Die Nahrungsaufnahme, die Auswahl der Speisen, der Appetit sind
entwicklungsgeschichtlich älter als die Sexualität. Sie sind
im Instinkt verankert und dem Verstand, der Ratio, auf Dauer nicht
zugänglich
und von ihm langfristig auch nicht steuerbar. Das Sexualverhalten des
Menschen
erscheint dagegen noch vergleichsweise rational und beeinflußbar.
Essen und Trinken sind überlebenswichtige Grundbedürfnisse.
Dies
hat die Biologie so festgelegt - ob es uns paßt oder nicht.
Allein
der Tatbestand, daß seit Jahrzehnten Ratschläge auf
Ratschläge
folgen, Theorien auf Theorien, Diäten auf Diäten, zeigt dem
unbefangenen
Beobachter, daß hier ein grundsätzlicher Denkfehler
vorliegen
muß.
Doch das Scheitern hat noch weitere Gründe. Am
augenfälligsten
ist der Versuch, die ganze Menschheit über einen Kamm scheren zu
wollen.
Weshalb sollen wir eigentlich alle dasselbe essen - obwohl wir uns
nicht
nur in Schuhgröße und Kragenweite unterscheiden, sondern
ganz
genauso in der Arbeitsweise unseres Darms und der Enzymausstattung der
Leber? Die eine "gesunde Ernährung" für alle ist eine
Illusion.
Schließlich würde auch niemand auf die glorreiche Idee
verfallen,
allen Menschen das Einkürzen der Füße auf
Schuhgröße
25 zu empfehlen, nur weil Füße bei dieser Größe
im
statistischen Mittel gesünder sind...
...
Vielleicht sind aber nicht nur die Aussagen der Ernährungsberatung
fragwürdig, sondern das ganze Konzept? Ein Mensch, der jeden
Bissen
unter den Aspekten vermeintlich "gesunder Ernährung" zerkaut,
befindet
sich in der gleichen Situation wie einer, der Sexualität in erster
Linie unter orthopädischen Gesichtspunkten sieht und vorsorglich
seine
Wirbelsäule entlasten möchte. Die
ernährungsbewußte
Küche aus den Elfenbeintürmen der Wissenschaft ist, um den
australischen
Psychophysiker Robert McBride zu zitieren, wie Sex ohne Orgasmus.
Aber woran kann man sich noch orientieren? werden Sie jetzt mit Recht
fragen. Unsere Empfehlung: Achten Sie doch mal wieder auf die
freundlichen
Hinweise Ihres Appetits und benutzen Sie den gesunden Menschenverstand
als Korrektiv bei allen Verlockungen und Verboten gleich welcher Art.
Den
Autoren läge nichts ferner, als den Inhalt Ihres
Kühlschrankes
zu kritisieren, und wir werden uns hüten, Ihnen etwas zu
vermiesen,
das Sie bisher mit Appetit genossen haben. Im Gegenteil. Lassen Sie
sich
vom Lexikon der populären Ernährungsirrtümer
ruhig
lange versagte Genüsse wieder schmackhaft machen: Es ist als
reichhaltiges
Büffet komponiert. Neben sättigenden Hauptgerichten, wie den
Irrtümern rund ums Cholesterin, ums Salz oder den Vitaminbedarf,
gibts
allerlei leichte Speisen. Und natürlich dürfen die delikaten
Appetithäppchen nicht fehlen: Fördern Trüffel die
Potenz?
Ist gegen den Kater wirklich kein Kraut gewachsen? Und frißt der
Teufel die Fliegen nur in der Not? Nehmen Sie sich ein paar Schmankerln
auf den Teller - und naschen Sie. Sie wissen ja: Der Appetit kommt
spätestens
beim Lesen.
Als Appetithäppchen reichen wir Ihnen
folgende Texte:
> Ballaststoffe sind unschädliche Abführmittel
> Frische Eier schmecken besser
> Kalbsleberwurst enthält Kalbsleber
> Margarine schützt das Herz
> Süßstoffe machen schlank
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Ballaststoffe |
Ballaststoffe sind unschädliche
Abführmittel
Der Darm ist ein
ähnlich mißverstandenes „Wesen“ wie die
Ballaststoffe. Keinesfalls ein tumber Kanal, der mit hartem Faserbesen
ausgekehrt werden muß, wie viele Naturheilkundler glauben, wenn
sie
ihren Patienten ballaststoffreiche Kost empfehlen, um deren Darm
"mechanisch
zu reinigen". Im Gegenteil, der Darm ist ein mit einer feinen
Schleimhaut
ausgekleidetes, hochsensibles Organ, bei dem ein solches Ansinnen nicht
unbedingt auf Gegenliebe stößt. Er beherbergt
zusätzlich
zahlreiche Untermieter, die Darmflora, mit der er arbeitsteilig in
lebenslanger
Symbiose lebt. Gegen Kost und Logis unterstützt sie den Darm nicht
nur beim Verdauen, sondern steht auch an vorderster Front bei der
Abwehr
von Krankheitserregern und liefert seinem Vermieter, dem Menschen,
darüber
hinaus auch ein paar wichtige Nährstoffe.
Wenn es um die Ballaststoffe geht, hängt alles an diesen
Untermietern.
Denn die Verdauungssäfte des Menschen vermögen ihnen nichts
anzuhaben.
Anders die Darmflora: Sie ist in der Lage, einen Teil der Ballaststoffe
zu kurzkettigen Fettsäuren abzubauen. Kommen jedoch zu große
Ballaststoffmengen auf einmal an, ist auch eine gesunde Darmflora bald
überfordert. Statt einer geregelten Verdauung entstehen nicht nur
unerwünschte, weil „sozial unverträglichen“ Darmgase, sondern
auch giftige Gärungsalkohole, die auf Dauer die Darmschleimhaut
und
das Immunsystem schädigen.
Besonders leiden darunter Patienten mit irritablem Colon, auch Reizdarm
genannt. Bis vor wenigen Jahren glaubte man, daß sich die
Beschwerden
vor allem durch eine ballaststoffreiche Ernährung therapieren
ließen.
Inzwischen wurde man eines Besseren belehrt. Beispielsweise kam es in
einer
Studie mit 100 Patienten nur bei 10 durch Weizenkleie zu einer
Verbesserung
ihrer Symptome, während 55 über eine Verschlimmerung klagten.
Der Verzehr von Müsli nützte niemanden, aber schadete fast
einem
Drittel der Patienten. Nicht viel anders bei Obst, vor allem
Zitrusfrüchten.
Mittlerweile stehen Ballaststoff-Präparate im Verdacht, eine
Ursache
des Reizcolons zu sein. Aus biologischer Sicht kommt dieses Erkenntnis
alles andere als überraschend: Ballaststoffe enthalten reichlich
pflanzliche
Abwehrstoffe. Diese reizen den Darm und können Entzündungen
verursachen.
Ballaststoffe stehen auch im Verdacht, Osteoporose zu fördern.
Bei Frauen, die im Rahmen einer Abmagerungskur täglich 28 Gramm
Ballaststoffe
(das ist immer noch weniger, als die Deutsche Gesellschaft für
Ernährung
als Minimum für den Erwachsenen empfiehlt) zu sich nahmen, wurde
nach
mehrmonatigem Gebrauch eine deutliche Verminderung der Knochendichte
beobachtet.
Ob dies nur eine Folge des Gewichtsverlustes ist, oder mit den
Ballaststoffen
zusammenhängt, ist noch nicht geklärt. Gesichert ist aber,
daß
manche Ballaststoffe durch die Bindung von Mineralstoffen den
Mineralstoffhaushalt
des Körpers nachteilig beeinflussen können. Davon betroffen
sind
vor allem Calcium, Magnesium, Zink und Eisen.
Menschen, die ihrer Verstopfung mit Ballaststoffen zu Leibe
rücken,
müssen - außer mit den beschriebenen Nebenwirkungen - mit
einem
Gewöhnungseffekt rechnen, wie bei anderen Abführmitteln auch.
Das heißt, immer größere Mengen werden nötig, um
die gleiche Wirkung zu erzielen. In extremen Fällen kann es dazu
kommen,
daß der Darm nicht mehr zu reagieren vermag und die aufquellenden
Ballaststoffe große Klumpen (sogenannte Bezoare) bilden oder gar
einen Darmverschluß verursachen. Gefährdet sind vor allem
Menschen,
die schon andere Abführmittel im Übermaß benutzt haben
oder bei denen aufgrund von Erkrankungen (zum Beispiel Diabetes) oder
Medikamenten
(zum Beispiel Psychopharmaka) die Darmbeweglichkeit herabgesetzt ist.
Quellen:
Freisleben
H: Kritische Bemerkungen des Mediziners zur
sogenannten ballastreichen Kost. Ernährung/Nutrition 1985/9/S.858.
Kang JK, Doe WF: Unprocessed bran causing intestinal obstruction.
British
Medical Journal 1979/1/S.1249. Johnson IT, Southgate DAT: Dietary fiber
an related substances. London 1994. Rabast U, Götz ML: Negative
Ballaststoffeffekte.
Medizinische Klinik 1982/77/S.257. Hardt M, Geisthövel W: Schwerer
Obstruktionsileus durch Leinsamenbezoar. Medizinische Klinik
1986/81/S.541.
Avenell A et al: Bone loss associated with a high fibre weight
reduction
diet in postmenopausal women. European Journal of Clinical Nutrition
1994/48/S.561.
Pirlet K: Zur Problematik der Vollwerternährung.
Erfahrungsheilkunde
1992, Heft 5, S.345. Francis CY, Whorwell PJ: Bran and irritable bowel
syndrome: time for reappraisal. Lancet 1994/344/S.39.
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Eier |
Frische Eier schmecken besser
Sie kennen diesen
Test sicher: Legt man ein frisches Ei in eine mit
Wasser gefüllte Schüssel, bleibt es gerade am Boden liegen.
Bei
einem älteren Ei hebt sich der stumpfe Pol, da es eine
größere
Luftkammer besitzt. So weit, so gut. Nur: Nicht alle Eier mit einer
kleinen
Luftkammer sind frisch... Denn natürlich wissen auch die
Eierproduzenten
um dieses Phänomen, schließlich versucht die
Lebensmittelüberwachung
durch Messung der Luftkammergröße das Alter der Eier zu
ermitteln.
Entsprechend trachten die Eierexperten danach, die Luftkammer durch
geschickte
Steuerung der Lagerungsbedingungen klein zu halten. Dies gelingt, indem
man Zusammensetzung, Temperatur und Feuchtigkeit der
Lagerungsatmosphäre
manipuliert.
Sicherer lassen sich frische von alten Eiern beim Aufschlagen
unterscheiden:
Ein frisches Ei besitzt ein deutlich gewölbtes Eidotter mit einer
festen Membran (das heißt, es reißt nicht gleich) und ein
Eiklar
mit zwei verschiedenen Zonen. Bei einem alten Ei läuft das Eiklar
weit auseinander, ohne daß man unterschiedliche Partien erkennen
könnte, das Eidotter ist flache und platzt schnell auf.
Aber schmeckt denn ein frisches Ei nun tatsächlich besser? - Nach
Meinung von Fachleuten braucht ein Ei 10 Tage, um sein volles Aroma zu
entwickeln. Eine billige Ausrede, um Zeit zu schinden? Offenbar nicht:
Bei einer landwirtschaftlichen Ausstellung durften Besucher
hartgekochte
Eier verkosten und angeben, welche ihnen am besten schmeckten. Was sie
nicht wußten: Die Eier waren drei, 14 oder 21 Tage alt.
Die Auswertung der Antworten von 3'000 Testessern ergab, daß
den meisten Menschen die 14 Tage alten Eier am besten schmeckten. Auf
Platz
2 rangierten die drei Tage alten Eier, das Schlußlicht bildeten
die
21-Tage-Eier. Gewohnheit kommt als Erklärung weniger infrage, denn
dann müßten die 21-Tage-Eier deutlich vor den 3-Tage-Eiern
liegen...
Quellen:
Ternes
W et al. (Eds.): Ei und Eiprodukte. Berlin 1994.
Kallweit E et al: Qualität tierischer Nahrungsmittel. Stuttgart
1988.
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Leberwurst |
Kalbsleberwurst enthält Kalbsleber
Um mit Radio Eriwan
zu sprechen: Im Prinzip nein. Warum das so ist,
verrät ein Handbuch der Fleischwarenherstellung: „Da vom
technologischen
Standpunkt aus die Kalbsleber sich schlecht eignet, andererseits die
Schweineleber
der Kalbsleber ernährungsphysiologisch gleich ist, bestehen keine
Bedenken, bei Kalbsleberwurst lediglich Kalbfleisch zu verarbeiten, ...
während auf die Verarbeitung von Kalbsleber verzichtet werden
kann.“
Das heißt in aller Regel wird Kalbsleberwurst mit Schweineleber
hergestellt, die ist zudem auch billiger - was sich aber nicht
unbedingt
am Endprodukt bemerkbar machen muß. Schließlich erhöht
das Wörtchen "Kalbsleber" die Preisbewilligungsbereitschaft des
Kunden.
Doch selbst Schweineleber macht nur bei „Spitzenqualität“ mehr als
25 Prozent der Wurstmasse aus, in der einfachen Leberwurst darf der
Lebergehalt
bis auf zehn Prozent sinken. Das Kalb gelangt beispielsweise - so
gestatten
es die deutschen „Leitsätze für Fleisch und
Fleischerzeugnisse“
- in seiner betagteren Form als „grob entsehntes“ Jungrindfleisch in
die
Leberwurst. Bereits ein Zusatz von 10 Prozent des genannten
Rindfleisches
reicht für das Wort "Kalbs" vor der „Leberwurst“. Die restlichen
(65-)80
Prozent der Natur- oder Kunstdarmfüllung besteht aus grob
entfettetem
Schweinefleisch, fettgewebereichem Schweinefleisch, Flomen und Speck.
Dazu
kommen ein paar Emulgatoren, Stabilisatoren, Umröter,
Geschmacksverstärker
und Aromen. Und fertig ist die Leberwurst.
Quellen:
Lienhop
E: Handbuch der Fleischwarenherstellung. Praxis
und Wissenschaft der Fleischwarenherstellung. Braunschweig 1974.
Leitsätze
für Fleisch und Fleischerzeugnisse. IdF vom 31.1.1994 (GMBl 1994,
S.350). Pollmer U et al: Vorsicht Geschmack - Was ist drin in
Lebensmitteln,
Stuttgart 1998.
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Margarine |
Margarine schützt das Herz
Wenn man
jahrzehntelang Margarine als "Herzschutz" verkauft, dann sollte
es eigentlich hinreichend viele und seriöse Belege geben,
daß
Menschen, die sich Margarine statt Butter oder Schmalz aufs
Brötchen
schmieren, länger leben oder zumindest seltener an Herzkrankheiten
leiden oder sterben. Doch genau diese Beweise fehlen. Sollte es
wirklich
niemand untersucht haben?
Die Briten sind für ihre scharfsinnigen Meisterdetektive ebenso
berühmt wie für ihren manchmal etwas skurrilen Humor. Wer
käme
wohl sonst auf die Idee, im Bauchspeck von Verkehrstoten nach dem
Zusammenhang
zwischen Margarine und Herzinfarkt zu suchen? Was auf den ersten Blick
so abwegig erscheint, ist aber klug durchdacht.
Der britische Forscher Leo Thomas geht seit den frühen siebziger
Jahren der umgekehrten Frage nach, ob chemisch veränderte Fette,
wie
sie in der Margarine vorkommen, mit Arteriosklerose und Herzinfarkt in
Beziehung stehen. Bei seinen Untersuchungen macht er sich zunutze,
daß
fetthaltige Nahrungsmittel eine charakterische
Fettsäurezusammensetzung
besitzen - die sich im Fettgewebe der Menschen, die sie verzehren,
widerspiegelt.
Das heißt, jemand, der viel Fleisch ißt, hat andere
Fettsäuren
im eigenen Speck als jemand, der sich vorwiegend vegetarisch
ernährt.
Bei der Herstellung von Margarine entstehen im Produktionsverlauf -
um genau zu sein bei der partiellen Hydrierung - auch Fettsäuren,
die in der Natur nicht oder nur in äußerst geringen Mengen
vorkommen:
die sogenannten Transfettsäuren. Einige von ihnen gibt es nur in
der
Margarine - und damit auch im Margarineesser. Aus dem
Mengenverhältnis
der einzelnen Fettsäuren läßt sich sogar
schließen,
welchen Margarinetyp der Verstorbene bevorzugt hat! Das hängt
schlicht
von den Rohstoffen und deren Fettsäuremustern ab.
Besagter Brite nun untersuchte das Fettgewebe von Menschen, die an
Herzinfarkt gestorben waren, und das von Verkehrsopfern oder aus
anderen
Gründen Verschiedenen. Seine Ergebnisse sind ebenso eindeutig wie
niederschmetternd: Unter den Herztoten waren - und zwar unabhängig
von der sozialen Schicht, aus der sie stammten - signifikant mehr
Margarineesser
als unter den anderen Personen. Bei ihnen fand er nicht nur mehr
Transfettsäuren,
sondern im übrigen noch weitere veränderte, mehrfach
ungesättigte
Fettsäuren - zum Beispiel aus Fischölen. Natürlich ist
das
zunächst nur eine Korrelation und kein Beweis.
Eine Stütze findet diese Vermutung jedoch in Tierversuchen.
Forscher
fütterten ihre Ratten mit einer Art „Labormargarine“ aus
teilgehärtetem
Heringsöl. Nach 32 Wochen (das ist etwa ein Fünftel eines
Rattenlebens)
beobachteten sie bei diesen Tieren dramatische Häufungen von
Entzündungen
des Herzmuskels, die mit Vernarbungen ausheilten - wie beim
Herzinfarkt.
Die Vergleichsgruppe hatte ihr Fett in Form von Speck und Maisöl
bekommen:
Sie wies zwar höhere Cholesterinspiegel auf, hatte aber nicht mehr
Herzenschäden als mit typischer Laborrattenkost gefütterte
Tiere.
Zwar hat der Anteil an Fischöl in der Margarine nach dem 2.
Weltkrieg
in Deutschland bald abgenommen - aber auch bei der Härtung von
Pflanzenölen
entstanden reichlich neuartige Transfettsäuren. Deshalb sind die
Ratten
und der „Sherlock Homes der Fette“ nicht die einzigen, die die
Margarine-Hypothese
gegen den Strich bürsten. Für eine andere große Studie,
die Nurses Health Study, wurden 80'000 Krankenschwestern in
regelmäßigen
Abständen befragt. Ergebnis nach 14jähriger Laufzeit: Es
ließ
sich kein Zusammenhang zwischen verzehrter Fettmenge und Herzinfarkt
feststellen,
wohl aber zwischen den Fettarten. Während "normale"
Fettsäuren
das Risiko mindern, einen Infarkt zu erleiden, wächst es mit der
Zufuhr
von Transfettsäuren an. Und selbst aus den Daten der
altehrwürdigen
Framingham-Studie kann man - trotz mancher Schwächen bei der
Datenerhebung
- herauslesen, daß das Herzinfarktrisiko mit der verzehrten
Margarinemenge
wächst, während es für Butter sogar sinkt.
Mittlerweile sorgt die Margarineindustrie zwar für geringere
Transfettsäuregehalte
in ihren Produkten, ob das den Menschen etwas nützt, die seit 20
oder
30 Jahren auf dem Margarinetrip sind, darf jedoch bezweifelt werden.
Aber
für alle, die sich nicht von Fetthypothesen verwirren lassen, ist
wie immer alles in Butter.
Quellen:
Thomas
L: Mortality from arteriosclerotic disease and
consumption of hydrogenated oils and fats. British Journal of
Preventive
and Social Medicine 1975/29/S.82. Thomas L, Scott RG: Ischaemic heart
disease
and the proportions of hydrogenated fat and ruminant-animal fat in
adipose
tissue at post-mortem examination: a case-control study. Journal of
Epidemiology
and Community Health 1981/35/S.251. Thomas L: Ischaemic heart disease
and
consumption of hydrogenated marine oils in England and Wales. Journal
Epidemiology
and Community Health 1992/46/S.78. Willett WC et al: Intake of trans
fatty
acids and risk of coronary heart disease among women. Lancet
1993/341/S.581.
Gillman MW et al: Margarine intake and subsequent coronary heart
disease
in men. Epidemiology 1997/8/S.144. Schiefer HB et al: Long-term effects
of partially hydrogenated herring oil on the rat myocardium.
Drug-Nutrient
Interactions 1982/1/S.89. Hu FB et al: Dietary fat intake and the risk
of coronary heart disease in women. New England Journal of Medicine
1997/337/S.1491.
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Süßstoffe |
Süßstoffe machen schlank
Nicht nur Winnie Pu,
der Bär mit der Vorliebe für Honigtöpfe,
ist als rechtes Schleckermaul bekannt. Auch viele andere Tiere, der
Mensch
eingeschlossen, können dem süßen Geschmack nicht
widerstehen.
Noch weiß man nicht genau, woher diese Neigung kommt, aber es
spricht
einiges dafür, daß die Lust auf Süßes angeboren
ist.
Nur Pech, daß wir im Kalorienspar-Zeitalter leben. Doch zum
Glück
gibt es ja die Süßstoffe, die uns Genuß ohne Reue
versprechen.
Die Rechnung scheint so einfach: Ein Stück Würfelzucker
enthält
10 Kilokalorien, eine Süßstofftablette, die den gleichen
Süßeindruck
hervorruft, keine einzige. Also spare ich einige Kilokalorien, wenn ich
meinen Kaffee oder Tee mit Süßstoff statt mit Zucker
süße.
Das ist zwar logisch, aber nicht biologisch... Denn der süße
Geschmack löst bereits auf der Zunge einen Reflex aus, eine
rasche,
nicht willentlich beeinflußbare Körperreaktion. Die
Wissenschaftler
nennen ihn einen Pawlowschen Reflex, weil Herr Pawlow Ende des19.
Jahrhunderts
feststellte, daß Hunde auch dann heftig Speichel und
Verdauungssäfte
produzierten, wenn er ihnen das Futter nur zeigte, aber nicht gab.
Diese
grundlegende Erkenntnis brachte ihm den Nobelpreis ein.
In unserem Fall heißt das Signal: "Zunge an
Bauchspeicheldrüse:
Hier schmeckt's süß. Insulin ausschütten, gleich kommt
Zucker." Süßstoff spielte in der Evolution bislang keine
Rolle,
deshalb wird der süße Geschmack von unserem Körper -
weil
es eben immer so war - mit Zucker gleichgesetzt. Ein fataler Irrtum.
Das
eilig ausgeschüttete Insulin kann nämlich nicht anders, es
muß
den Zucker abbauen, der aus dem Verdauungstrakt in die Blutbahn
übergegangen
ist. Und wenn der angekündigte Nachschub nicht rollt -
Süßstoff
liefert keinen Blutzucker -, greift es halt auf den noch vorhandenen
zurück.
Prompt sinkt der momentane Blutzuckerspiegel. Ein sinkender
Blutzuckerspiegel
ist jedoch ein Alarmsignal für den Körper. Er antwortet mit
Heißhungergefühlen,
um den Verlust möglichst schnell wieder auszugleichen. Das
heißt
in letzter, harter Konsequenz: Süßstoff macht hungrig.
Die appetitanregende Wirkung von Süßstoffen bestätigen
seit langem wissenschaftliche Untersuchungen an Menschen. Nur zwei
Beispiele:
In einer Studie wurde der Einfluß vier verschiedener Joghurts auf
Nahrungsaufnahme und auf Hungerempfinden untersucht. Angeboten wurden
Joghurt
natur, Joghurt mit Stärke (ungesüßt, aber
sämiger),
Joghurt mit Zucker oder Joghurt mit Saccharin. Die Versuchspersonen
konnten
danach im Laufe des Tages essen, soviel sie wollten. Es zeigte sich,
daß
die Probanden mit dem mit Saccharin gesüßten Joghurt nicht
nur
am hungrigsten waren, sondern insgesamt auch am meisten aßen. Die
Personen mit dem gezuckerten Joghurt und die mit dem
stärkehaltigen
Joghurt verzehrten insgesamt dagegen weniger Kalorien.
Für eine andere Studie wurden fast 80'000 Frauen befragt. Sie
sollten angeben, wie sich ihr Gewicht in den zurückliegenden 12
Monaten
entwickelt hatte, ob und, wenn ja, seit wann sie wieviel
Süßstoff
verwendeten. In der Gruppe der Frauen, die in diesem Zeitraum
zugenommen
hatten, waren eindeutig mehr Süßstoffverwenderinnen als in
der
anderen. Außerdem hatten die Süßstoffverwenderinnen
stärker
zugenommen. Dieser Unterschied ließ sich nicht mit den sonstigen
Ernährungsgewohnheiten erklären.
Falls Sie uns nicht glauben, fragen Sie doch mal einen
Schweinezüchter
- Schweine lügen nicht. In der Tiermast sind Süßstoffe
als Appetitanreger schon lange gang und gebe - und auch als solche
zugelassen.
Nachzulesen in der Futtermittelverordnung, Anlage 3, Punkt 3. Ein
Hersteller
von Zusatzstoffen zu Tierfutter wirbt beispielsweise mit
"Süßstoffe
erhöhen Gewicht und Gewinn". Sie verbessern „die tägliche
Futteraufnahme
bei Ferkeln und Jungschweinen“ und „auch bei Sauen mit gezügeltem
Appetit wird die Futteraufnahme stimuliert".
Was würde wohl Miss Piggy, die Schweinedame aus der Muppets-Show,
dazu sagen? „Schweinerei!“ vermutlich.
Quellen:
Rogers
PJ, Blundell JE: Separating the actions of sweetness
and calories: effects of saccharin and carbohydrates on hunger and food
intake in human subjects. Physiology & Behavior 1989/45/S.1093.
Stellman
SD, Garfinkel L: Artificial sweetener use and one-year weight change
among
women. Preventive Medicine 1986/15/S.195. Thompson MM, Mayer J:
Hypoglycemic
effects of saccharin in experimental animals. American Journal of
Clinical
Nutrition 1959/7/S.80. Hommel H et al: The mechanism of insulin
secretion
after oral glucose administration. Diabetologia 1972/8/S.111.
International
Additives Limited, Merseyside: Süßstoffe erhöhen
Gewicht
und Gewinn. Prospekt ohne Jahr. Pawlow IP: Sämtliche Werke. Berlin
1954, Band 5: Vorlesungen über Physiologie; Physiologie der
Verdauung,
S.51. Futtermittelverordnung idF vom 19.11.1997 (BGBl I S.2714),
zuletzt
geändert am 3.8.1998 (BGBl I S.1995).
(Copyright
Eichborn Verlag 2000)
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